23 Februar 2016
Lernen
Man kann so viel lernen im Internet, so viel! Namentlich auf Twitter: Es gibt nämlich einen Pilz, der Ameisen zu Zombies mutiert, sie von innen heraus auffrisst, sie aber unterdessen, so lange sie noch laufen können, an einen Ort steuert, der für seine Fortpflanzung geeignete Bedingungen bietet.
Er hört auf den Namen Ophiocordyceps unilateralis – ja, wahrscheinlich hört er tatsächlich, sehr wahrscheinlich. Aber ebenso wahrscheinlich kümmert er sich nicht um das, was man ihm sagt.
Man kann diesen zynischen Zeitgenossen auf Wikipedia kennenlernen und in einer dramatisierten Fassung hier.
Ich wiederum bin auf diese Erkenntnis beim Herrn Earl Edward de Vere gestoßen, dem Abendland besser bekannt als Shakespeare. Und außerdem seit langer Zeit fasziniert von einem anderen Wesen, nämlich Dictyostelium discoideum.
21 Februar 2016
Begegnung
Aus gegebenem Anlass habe ich die fast nicht erfundene etwas ältere Fortsetzungsgeschichte Zahlungsmoral aktualisiert. Sie beginnt hier:
http://goldfischli.blogspot.de/2010/04/zahlungsmoral-1.html
Der gegebene Anlass ist die Begegnung in einem Architektenbüro vor wenigen Tagen, die etliche Züge aus dieser Erzählung trug. Wir können es Déjà-vu nennen.
(verdammt, ich hab ein ganzes Wochenende gebraucht, bis mir das Fremdwort wieder einfiel!)
08 Februar 2016
einfachstes Gericht der Welt, Das
Richtig, es geht wieder einmal ums Essen.
Wir kaufen:
1 Sack Gnocchi
2 Radicchii (oder Radicchios oder wieauchimmer da die Mehrzahl geht)
Wir haben sowieso immer da:
2 Zwiebeln
Olivenöl
Salz
Wir greifen zur mittelgrößten Auflaufform, die unser Haushalt zu bieten hat. Oder zu jeder anderen. Hauptsache hitzebeständig-backofenfest.
Hilfreich ist, wenn sie einen Deckel besitzt oder sich mit Alufolie abdecken lässt - d.h. Auflaufform im Format DIN A0 wäre zu groß. Es sei denn, wir hätten Alufolie in der Breite eines Perserteppichs verfügbar: Dann ja.
Den Boden der Form bedecken wir mit Olivenöl. Nur so, dass der Boden bedeckt ist, nicht zentimetertief, wir wollen nämlich backen, nicht frittieren. Also, ähm, "backen".
Mit dem Öl bestreichen wir auch die Wände der Form. Großer Bloguator™ nimmt immer die Hände zum Bestreichen der Wände, aber der Cuisine-Auskenner darf gerne auch einen Pinsel benutzen. Großer Bloguator™ hat danach aber auch immer wunderbar zarte, nach Olivenöl duftende Hände (im Hintergrund ertönen einschmeichelnde Geigen - kleine Vögelchen fliegen im Kreis – Abbildung einer süditalienischen Dorfstraße im Frühling).
Hm? Äh, ja. Machen wir mal weiter:
Die zwei Radicchiose halbieren und mit der Schnittfläche ins Öl legen. Außenrum die Gnocchi anhäufen. Wer mag, kann ein, zwei Zwiebeln in Würfel schneiden und irgendwo noch unterbringen. Geht aber auch ohne. Jetzt noch salzen.
Das hier kursiv geschriebene wars auch schon mit dem Kochen. Mehr muss man dazu nicht können. Oder tun.
Jetzt wird die Form mit Alufolie oder dem Deckel bedeckt und kommt in den Ofen bei 200°C ². Nach 15min. die Folie oder den Deckel abmachen und wieder in den Ofen schieben. (wer will, kann an dieser Stelle einen Schuss Weißwein dazu schießen, das gibt eine Art Soße)
Auf Oberhitze stellen. Wenn die Gnocchi von oben ein wenig gebräunt sind herausnehmen. Fertig. Essen.
Der Radicchio müsste jetzt von unten ein wenig angebraten sein und ansonsten sehr gar. Die Gnocchi sind zu einer Art Bratkartoffelweizendings geworden. Die Folie/Deckel muss anfangs drauf, damit sie nicht vollends austrocknen, sondern im Dampf vor sich hin garen.
Bezüglich des Olivenöls haben anscheinend genau *alle* Auskenner eine andere Wahrnehmung als Der Große Bloguator™. Während die Auskenner ausnahmslos der Ansicht sind, dass besonders gutes Olivenöl nach gar nichts schmeckt, findet Große Bloguator™, dass es ruhig nach Olivenöl schmecken darf. Aber mit dieser offenbar völlig überzogenen Einstellung sieht er sich oft genug allein.
¹ alte Journalistenweisheit: Spare nie des Superlativs!
² Vorheizen oder nicht - macht keinen Unterschied. Man kann den Ofen ja am Beginn der Arbeiten einschalten, überbrückt so elegant einen Teil der Wartezeit.
04 Februar 2016
Wieder mal
Ich muss mal wieder – auch wenn das nicht von allen LeserInnen so 100%ig geschätzt wird – was soll man machen, es juckt einen halt in den Fingern:
via SailingAnarchy
Ja, äh, diesmal leider ohne hämische Kommentare. Nächste Woche wieder.
27 Januar 2016
Werktag
Dialog im Büro
“Ich geh einkaufen - soll ich was mitbringen?”
”Flüssigseife für den Spender.”
”Wir haben doch noch welche?”
”Öcht?”
”Ja.”
”Wirklich?”
”Ja!”
”Ganz sicher?”
”Ja-ha!”
”Gut. Dann bringst du also keine Seife mit.”
”Ja.”
”Für den Spender.”
”Genau.”
”Also was sollst du mitbringen?”
”Keine Seife!”
”Kannst dir das merken?”
”Ich schreibs mir auf.”
”Besser ist das. Du bringst sonst wieder das falsche mit.”
”Gebongt: Keine Seife.”
”Und nicht die falsche!”
”Sonst muss ich halt nochmal gehen.”
Wir sind manchmal ein wenig überarbeitet. Glaubt uns auch wieder keiner.
22 Januar 2016
Gefühltes Wissen
Damit einher geht in der Regel das Auskenner-Syndrom. Es zeigt sich dadurch, dass man anderen Leuten großherzig die Stadt erklärt und wie sie funktioniert.
Hier haben wir ein schönes Beispiel aus dem Internet, das aber durchaus so exemplarisch stehen bleiben kann:
43 Dinge, die Du nur in fünf Jahren Berlin lernst
”Rennst Du oder nimmst Du die nächste Bahn?”Philipp Jahner BuzzFeed-Redaktion, Deutschland
1. Die Hälfte der Leute, die behaupten, sie kämen aus Berlin, kommt in Wirklichkeit aus Brandenburg.Skandal! Der meiste Berliner kommt nämlich aus Hamburg, München, Stuttgart, Münster, Heidelberg, irgendwelchen Käffern in Hessen sowie aus den Berliner Randbezirken. Und aus dem Speckgürtel - der liegt in Brandenburg.
(sehr gute Quelle hier: Berliner Zugezogenen-Atlas, Morgenpost)
2. Du kannst jedem Menschen mit nur einem Wort den Tag versauen: Schienenersatzverkehr.Viele Menschen fahren sogar in Berlin immer noch mit dem Auto zur Arbeit - so unsinnig das auch sei. Wer die Öffentlichen nimmt, kann hier jedes einzelne Fahrzeug genau verfolgen.
3. Du machst nur einmal im Leben den Fehler, den Fernsehturm “Alex” zu nennen.Darüber regen sich nur die frisch zugezogenen auf. Aber sag doch mal "Prenzlberg" zu einem, der stark berlinert...
4. Und du gehst nur ein einziges Mal in der Simon-Dach-Straße feiern und dann nie wieder.Wo?
5. Den Alexanderplatz zu überqueren war die Vorlage für das Trimagische Turnier bei Harry Potter.Gut beobachtet: Der Alexanderplatz ist nämlich die Wüste mit der Straßenbahn und dem Kaufhaus, nicht die am Fuß des Fernsehturms.
6. Mit der M10 fahren ist wie “Stairway to Heaven” rückwärts hören.Satansche Botschaften in der Party-Tram? Als wäre Vorwärts nicht schon schlimm genug. In Australien gab es mal einen Wettbewerb um die beste Coverversion des Stücks. Der Sieger erhielt anschließend Morddrohungen.²
7. Die BVG ist der Teufel und Gott in einer Person.Die BVG betreibt die gelben Dinger mit den vielen Rädern. Zum Glauben und Beten kann man in eine der zahlreichen Kirchen gehen. Dort ist man in der Regel allein.
8. Das eigentliche Wappentier der Stadt ist nicht der Bär, sondern ein unter Herbstlaub liegender Haufen Hundekacke.Das beste Wappentier der Stadt wäre wohl der Laubbläser.
9. Plane Dein Leben ohne die S-Bahn.So sagt nur einer, der den Parkplatz vor der Scheune für ein Grundrecht hält. Nimm die U-Bahn. Es gibt sogar Busse im 20min-Takt. Geh schlimmstenfalls ein paar Meter zu Fuß.
10. Du wirst immer das Gefühl haben, Dinge zu verpassen und das ist das Normalste der Welt.Das Gefühl trügt nicht. Aber man gewöhnt sich dran.
11. Freie Termine beim Bürgeramt gibt es so viele, wie Piraten im Landesparlament.Parlamentspiraten muss man online ein halbes Jahr im voraus buchen?
12. Du brauchst für jeden Weg mindestens 45 Minuten. Egal, ob Du ans andere Ende Deines Kiezes willst oder auf die andere Seite des Ringes.Da ist was dran. Aber Dein Kiez muss ganz schön groß sein. Echt?
(Großer Bloguator™ durchquert seinen Kiez gerne volltrunken und benötigt dafür in der Tat 45min.)
13. Es ist scheißegal, wie Du Deinen Kaffee trinkst. Lass Dich nicht unter Druck setzen.Trink den Kaffee nicht im Gehen - das ist stillos und unreif, Berlin hin oder her. Und lass deinen Vornamen nicht auf einen Pappbecher schreiben.
14. Die Winter in Berlin sind länger und härter, als Du es Dir je vorgestellt hast.Nach einem Winter weißt du: Noch härter!
15. Berliner sind Pfannkuchen und Pfannkuchen sind Eierkuchen. Frag nicht, warum.Aber du bestellst ja auch Wiener in Wien und Frankfurter in Frankfurt, was? Rundstücke in München und Semmeln in Hamburg? Jedenfalls darfst du Omelett zu Eierkuchen sagen und niemand ist dir böse.
16. Deine besten Freude leben auch in der Stadt, aber manchmal seht ihr euch mehrere Wochen lang nicht.Du willst ja deine Zeit nicht immer mit denselben zwei besten Freunden verbringen.
17. Auch nicht, wenn ihr im gleichen Bezirk wohnt. Oder Viertel. Oder Straße.Auch dann nicht.
18. Es gibt nur zwei Sorten Menschen: Die, die wegen einer einfahrenden Bahn loslaufen und die, die in drei Minuten die nächste nehmen.Es gibt Menschen, die auf Rolltreppen links stehenbleiben!
Hm … Menschen?
19. Alle Begegnungen beginnen total unverbindlich. Das ist toll und nervig zugleich.Genau - sehr wahrscheinlich nämlich, dass gleich noch ein viel interessanterer kommt: Hallo-ho!
20. Die Stadt hat vier Millionen Einwohner und genau so viele Bürgermeister.Och...
21. Es gibt einen Abschnitt der Ringbahn, den Du noch nie gefahren bist.Was hast du in den 5 Jahren gemacht?
22. Mach Dir beim Einkaufen keinen Stress, wenn Du was vergessen hast. Es gibt Spätis!Es gibt auch Restaurants und Dönerbuden und ein oder zwei Kneipen mit Bier *und* Kaffee. Und morgen dann wieder offene Läden. So lange hält es ein erwachsener Mensch aus.
23. Und die Supermärkte am Ostbahnhof.Und die Supermärkte an JEDEM Bahnhof. Und den Rund-um-die-Uhr-Reichelt.
24. Manche Leute hassen Touristen, weil diese die Stadt nicht verstehen. In Wirklichkeit sollte man einfach alle Menschen hassen, die zu langsam laufen oder im Weg stehen – egal, woher sie kommen.So ist es, und diese Menschen kommen viel zu häufig aus den Randbezirken oder dem Speckgürtel.
25. Das Sauerstoff-Schiff auf dem Landwehrkanal existiert!Ja, und?
26. Es gibt offizielle Hundekacke-Sauger.Die gibt es seit über 20 Jahren. Machen ein hässliches Geräusch.
...schschschlorrrpp!
27. Verzögere bei der Fahrkartenkontrolle das Suchen nach Deinem Ticket, damit die Leute, die sich keine Monats- oder Jahres-Karte leisten können, eine Chance haben, auszusteigen.Das ist ein guter und menschenfreundlicher Hinweis: Beherzige ihn!
28. Die beste Reaktion auf Berliner Schnauze ist Grinsen.Bosheit ist die Berliner Methode, Interesse zu zeigen. Mit Leuten, die einen nicht interessieren, macht man sich diese Mühe nicht.
29. Das Brandenburger Tor siehst Du nur, wenn Du Besuch hast oder zu einer Demo gehst.Man sieht es öfter im Fernsehen als real. Genau wie den Fernsehturm - in diesem Fall ein Versäumnis.
30. In der U-Bahn gibt es nur Edge.Geheimtipp für den Auskenner: Das Buch und die Zeitung sind seit einiger Zeit erfunden.
31. Busfahren sollte immer Deine letze Wahl sein.Das merkst du schnell genug selbst.
32. Denn es gibt nur in Berlin die so genannten “BVG-Minuten” - Das ist die Zeit zwischen planmäßiger und tatsächlicher Abfahrzeit.Aber nur der Berliner S-Bahn frieren auch im Sommer mal die Weichen ein.
33. Am Potsdamer Platz gibt es riesige Häuser, die eigentlich nur fake sind.Damit der westdeutsche Besucher endlich eine Vorstellung vom Begriff Potemkinsches Dorf bekommt.
34. Alle hoffen, dass der BER niemals fertig wird. Denn …Niemanden in Berlin interessiert der BER wirklich!
35. Der Flughafen Tegel ist der beste Flughafen der Welt.Angeblich auch einer der kleinsten. Aber man sieht ja: Berlin braucht gar keinen größeren. Es wird ohnehin zu viel geflogen.
36. Halte Dein Fahrrad in Schuss.vor allem lass es dir nicht klauen.
37. Die Torstraße ist Hitler.Hm, und was hältst du von ein paar Jahren Nachhilfe in Geschichte?
38. Spandau ist nicht unser Brooklyn, sondern ein Vorort von Hamburg.Brooklyn? Wir brauchen Spandau, damit der Berliner eine Vorstellung von PROVINZ hat. Spandau ist die PEST!
39. Der Mauerpark kann so viel mehr als ein mit Menschen überfüllter Flohmarkt sein. Eine mit Menschen überfüllte Karaoke-Veranstaltung zum Beispiel.Aber zuerst mal ein mit Menschen überfüllter Flohmarkt. Voller Touristen.
40. Hufelandstraße, Husemannstraße und Humannplatz wirst Du auch auf Deinem Totenbett noch durcheinander bringen.Quatsch, der Berliner beschreibt dem Besucher gedudig den Weg von der Hosemann- in die Husemannstraße. Ob der Besucher will, oder nicht.
41. Es sollen schonmal Menschen auf der Suche nach einem freien Parkplatz an Altersschwäche gestorben sein.Naja, Wehmut. In ihrem Heimatort konnten sie jederzeit vor ihrer Scheune parken.
42. Pfand gehört daneben.Pfand gehört nicht auf die Straße. Der Berliner gibt es einfach im Laden zurück. Der Händler ist da gar nicht böse drüber.
43. Du darfst in Berlin aussehen und sein, wie Du willst. Das hat mit Toleranz zu tun, aber auch damit, dass sich 4 Millionen Menschen nicht für Dich interessieren.
Wenn du eine Weile hier wohnst merkst du es selbst: Warum sollten die sich für dich interessieren?
² vielleicht sollten sie statt der Warnglocke lieber dieses hier spielen, wenn sie durch die Menschenmenge am Alexanderplatz brettern müssen: MP3
19 Januar 2016
Mensch und Masse
Oh, eine gewaltige Schlange in Berlin-Mitte! Erster Gedanke im Kopf des Großen Bloguators™ "Da wird endlich wieder Begrüßungsgeld verteilt!"
Dann aber fiel ihm wieder ein, dass Finanzminister Schäuble ja wohl noch im Amt ist und sogar lebt. Hm. Wahrscheinlich kein Begrüßungsgeld. Sehr wahrscheinlich.
Eröffnung eines neuen Elektronik-Marktes oder gar einer ganzen Shopping-Mall?
Dafür sind die Anstehenden wiederum nicht hysterisch genug. Zu gutgelaunt. Und auch zu diszipliniert.
Vielleicht der große Wohltäter Vladimir Putin, der mit viel Geld wohlgesonnene Menschenmassen einkauft? Die russische Botschaft ist gar nicht weit.
Aber endlich fiel es wie Schuppen von den Haaren - richtig! Samstagvormittag, man hatte davon gelesen:
Die Komische Oper verkauft Kostüme aus ihrem Fundus!
Und die stilbewusste Berliner Bevölkerung mit ihrem bekannt sicheren Geschmack nimmt lebhaft Anteil.
Zugegeben, der Großen Bloguator™ war nicht ganz zufällig am Ort des Geschehens. Aber zu spät. Viel. Zu. Spät.
Schade.
15 Januar 2016
Exotiq
Wie die regelmäßige Leserin¹ ja weiß, pflegt der Große Bloguator™ gerne Vorurteile. Nicht nur die eigenen, sondern die aller Leute. Aus den unterschiedlichsten Gründen.
Eines davon lautet, dass “Techno und richtige Musik nur unwesentlich weiter von einander entfernt liegen als die Erde vom Mond”.
Ja, wohl!
Und dann wird er mit hintergründigem Zeug aus Grönland konfrontiert. Ich wiederhole: Grönland! Von einer Band namens Uyarakq, deren Geräuscherzeugung einen total hibbelig macht und die den Erwartungen, die man von Grönland vielleicht hat, sogleich eine neue interessante Richtung geben kann.
Und besonders witzig ist selbstverständlich außerdem die überaus unerwartete Streuung des Buchstaben Q in den Titeln – ohne die bei uns übliche Kombination mit dem U.
Ja, äh, und los:
Hier gleich noch eins:
Hm, stelle bei wiederholtem Hören fest, dass die Beispiele vielleicht gar kein Techno sein sollen.
So, so? Na gut, dann muss sich jetzt leider wieder über jemand anderen lästern.
¹ männliche Leser dürfen selbstverständlich auch wissen
² kam neulich via Radioeins Freistil rein
13 Januar 2016
Versagen
Neulich mal hatten wir hier einen Betrag mit dem Untertitel “Multiples Kranversagen” – das war schon sehr schön – wenn auch gruselig.
Hier kommt jetzt wieder einmal eine Beobachtung zum Thema “Multiples Kahnversagen”: Das Boot mit dem blauen Spinnacker kommt innerhalb einer Regatta in der besten Position, die man nur haben kann, an der Leetonne an. Völlig übermotiviert nehmen sie den Spinnacker zu spät oder unkoordiniert runter und der überehrgeizige Steuermann rundet zudem die Tonne im Millimeterabstand. Also viel zu eng. Jedenfalls versucht er es. Gemeinsames Versagen führt zum absehbaren SuperGAU.
Wer jemals selbst Regatta gesegelt ist ahnt, dass hier einiges schief gehen kann. Schnell berührt man in so einer Situation die Tonne oder bleibt unnötig mit irgendeinem Teil dran hängen, das sich vielleicht ein wenig weit außenbords befindet. Zum Beispiel ein außer Kontrolle geratener Spinnacker.
Am Ende findet sich das Boot in der schlechtesten Position wieder, die man nur haben kann.
Edit, nach mehrmaliger Auswertung des Videos:
Der Steuermann weiß offensichtlich auch genau, wie man so einen fliegenden Spinnacker wieder einsammelt. Sowas gehört nicht zum Grundwissen und kann kein Zufall sein. Der hat das schon öfter gemacht.
11 Januar 2016
Besorgnis
In letzter Zeit hat man es in Deutschland vermehrt mit sogenannten "besorgten Bürgern" zu tun.
"Besorgter Bürger" ist ein Synonym für "Rassist" und es wird gerne von den Menschen benutzt, die wissen, dass Rassismus eine unanständige Sache ist, darin aber doch ein bequemes Weltbild erkennen. Immerhin ist ihnen klar, dass sie nie-nie-nie auf der Verliererseite des Rassismus sitzen wollen.
Die "besorgten Bürger" argumentieren gerne mit so Sachen wie "ich bin ja kein Nazi, aber" oder "das wird man doch noch sagen dürfen", ebenfalls Floskeln dafür, dass sie sehr wohl wissen, wie unrecht sie haben, aber dass so eine Lüge bequemer ist als die Wahrheit.
Die Bevölkerungsgruppe der "besorgten Bürger" kann man nach ihrer Motivation grob in zwei Parteien unterteilen:
Den einen ist es unheimlich, wenn sich fremdländische Menschen in einer unbekannten Sprache temperamentvoll unterhalten. Woher dieses Gefühl der Unheimlichkeit rührt, lässt sich schwer sagen, vielleicht, weil man in dem jeweiligen kleinen Heimatort des besorgten Bürgers einfach niemals irgendwelchen Migranten begegnet. Doch, ja, solche Orte gibt es. Oder weil die Migranten schon aus sprachlichen Gründen unter sich bleiben und dabei überhaupt Gruppen bilden. Dass sich auch einheimische Jugendliche so verhalten und keineswegs weniger bedrohlich sind, wird von dem besorgten Bürger gern verdrängt. Außer wenn er an der Bushaltestelle des kleinen Ortes vorbei muss, wo sich die pöbelnden Halbstarken immer treffen. Aber dann denkt er nur an die Halbstarken und vergleicht sie nicht mit Migranten.
Das Gefühl der "Unheimlichkeit", also des unausgesprochenen Sichbedrohtfühlens, ist wahrscheinlich eine kulturelle Angelegenheit. Wer einmal außerhalb Mitteleuropas auf Reisen war, weiß, dass sich gegenüber deutschen Reisenden kaum jemand so benimmt. Obwohl sich dazu mehr als genug Anlässe aufzählen ließen. Keine Besorgnis anderswo. Oft wird man als Fremder mit großer Freundlichkeit empfangen. Und das hat nichts mit der Anzahl der Besucher zu tun: Die besorgten Deutschen sind ja einem einzelnen fremdländischen Menschen gegenüber genauso misstrauisch wie einem Dutzend.
Dieser ersten Gruppe besorgter Bürger kann man zwar nicht mit Argumenten kommen, das ist ihnen zu anstrengend. Aber man kann sie in Kontakt mit Einwanderern, Reisenden, Flüchtlingen bringen, also mit allem, was sie für fremd und bedrohlich halten. Aus der Nähe merken sie dann, dass diese fremden Menschen interessante Gebräuche, Kleidung, Musik und ganz gutes Essen haben. Damit ist viel gewonnen.
Die zweite Gruppe der "besorgten Bürger" nennt sich so, weil sie sich nur um eins sorgt: Sich selbst. Sie haben Angst, dass ein Flüchtling etwas kostenlos erhält, das sie selbst mit wenig Geld bezahlen mussten. "Wieso kriegen DIE Handys? Kleidung? Sogar Taschengeld! Eine Wohnung! WIR müssen alles selbst bezahlen!"
Neid, Gier und Eifersucht bestimmen ihr Leben, aber diese Regungen stehen nicht in so hohem sozialen Ansehen wie Mitgefühl und Freundlichkeit. Aber ein hohes Ansehen wollen sie außerdem noch haben, wobei es nichts kosten darf. Denn wenn es etwas kostet, muss es auch exklusiv sein!
Etwa das Handy-Gerücht: Da wird behauptet, jeder Flüchtling bekäme ein Handy geschenkt. Nun sind gerade Handys in Deutschland Kultgegenstände wie früher nur das Auto - sie liegen für jeden im erschwinglichen Bereich und man kann sie überall herumzeigen, um damit Geschmack und Weltläufigkeit zu beweisen.
Das Handy ist eigentlich ein Anachronismus: Anfangs brauchte man gar keines, weil es ja noch überall Festnetz-Anschlüsse gab. Es setzte sich dennoch durch - zunächst als reines Prestige-Objekt für Manager und Oberschüler. Erst seit dem Smart-Phone haben Handys so etwas wie einen echten Nutzwert. Das Smart-Phone wiederum ist ein kleiner Computer und nur die wenigsten "besorgten Bürger" können es angemessen bedienen. Etliche können kaum unfallfrei ihren Namen schreiben. Sie wissen nur: Ein Handy ist ein Status-Symbol und ihrer Ansicht nach dürfen Flüchtlinge so etwas nicht besitzen. Wenn nun jemand behauptet, da würden Handys verschenkt, werden sie von Neid geschüttelt und erheben sich gegen die allgemeine Ungerechtigkeit.
Es ist dieselbe Sorte Mensch, die selbst die eigenen Geschwister bei jeder Gelegenheit über den Tisch zieht, "weil die das sonst mit mir machen!", die aus Verbitterung zu PEGIDA-Demos geht, weil vor dem eigenen Einfamilienhaus nur ein japanischer Mittelklassekombi steht und nicht ein schwerer SUV aus deutscher Produktion.
Dies empfindet der besorgte Bürger als krasse Benachteiligung. Fakten will er nicht hören, sofern sie ihm nicht in den Kram passen. Es ist sinnlos, mit solchen Leuten zu diskutieren, weil sie an der Wahrheit überhaupt nicht interessiert sind, sondern nur an einer schönen Ausrede - wenn nicht für ihren Egoismus, dann dafür, warum sie es zu nichts gebracht haben.
Deshalb ist Rassismus für sie das ideale Konzept: Man kann sich über andere erheben, ohne jemals irgendetwas sinnvolles geleistet zu haben. Einfach nur durch Geburt.
Einige der besorgten Bürger haben sich allerdings sogar Wohlstand "erarbeitet", das geht in Deutschland am besten, indem man dreist ist und immer am Rande des Betruges. Als Ausgleich für dieses Risiko brauchen sie einen Grund, warum sie keinesfalls etwas von ihrem Wohlstand abgeben müssen. Rassismus ist da genau richtig, gegen die bessere Geburt gibt es nun einmal keine rationalen Argumente.
06 Januar 2016
Gesunde Ernährung
Rein rational weiß der aufgeklärte Carnivor durchaus, dass man sich auch ohne Tier ernähren kann. Theoretisch. Der aufgeklärte Carnivor kommt auch nicht mit Dumpfbackenargumenten wie Proteinen, Gehirnentwicklung oder Tradition. Die sind alle so dünn wie durchsichtig.
Natürlich enthält totes Tier Proteine, natürlich haben sich Gehirne irgendwann irgendwie entwickelt und selbstverständlich hat das Fleischessen in europäischen Breiten eine gewisse Tradition.
Wobei "Tradition" nur bedeutet, dass der Fleischesser sich nicht erinnern kann, wann seine Großeltern damit angefangen haben. Älter ist so eine Tradition in der Regel nicht, und in diesem speziellen Fall eben auch nicht. Proteine sind natürlich wichtig, waren aber längst nicht immer während der Menschheitsentwicklung im heutigen Umfang verfügbar. Und über "Gehirn" muss man bei Dumpfbackenargumenten ja ohnehin nicht reden.
Am überzeugendsten ist dann die enorme Verdrängungsleistung von "Aber Hühnchen ist doch kein Fleisch?"
Es bleibt spannend.
¹ also ich -
31 Dezember 2015
Kürbis sürpris
... nehmen wir doch einmal an, es ginge um Kürbissuppe.
Der Kürbis und seine Suppen sind in den letzten Jahren zu den vegetarischen Vorzeigegerichten aufgestiegen. Vorher fiel der Gesamtheit der Deutschen zum Kürbis nichts weiter ein, als ihn süß-sauer einzulegen. Man bekam davon glasige Zähne und ein filziges Gefühl im Mund. Insgesamt also nicht so der Renner. Traumatisches Erlebnis mehrerer Generationen.
Dann muss irgendjemand wiederentdeckt haben, dass man mit Kürbis viel mehr machen kann. Zufällig sind dem Großen Bloguator™ aus der jüngeren Geschichte jedoch nur vegetarische Kürbisgerichte bekannt. Das mag auch daran liegen, dass es nur vegetarische Kürbisgerichte gibt.
Nach einer Feier im Segelverein war kürzlich allerdings ein halber Mett-Igel übrig, ziemlich großes Ding. Sowas wirft man nicht gerne weg. Sondern nimmt es mit nach Hause.
Dort fand sich das Gehackte neben einem Kürbis ein, der seit längerem seines Schicksals harrte. Im Kühlschrank lag noch verschiedenes anderes herum, das dringend weg musste. Daraus ergab sich das folgende Panorama:
- 500g Schweinehack
- 1 Hokkaido-Kürbis
- 1 Paprika
- 1-2 Zwiebeln
- frische Ingwerknolle
- Creme fraiche
- Brühwürfel sog. fette Brühe
(Knorr oder Maggi ist egal, klingt nach Fleisch, ist aber völlig vegan und im heutigen Zusammenhang sowieso egal)
Den Kürbis im ganzen in den Backofen, bei 150° bis die Schale braune Blasen wirft. Das sollte eigentlich nur die Schale aufweichen, damit man den Kürbis leichter schälen kann. Wenn man einen guten Hokkaido erwischt hat, riecht nach einer Weile die Küche nach Nuss und die Schale muss man gar nicht schälen - sie ist so weich, dass man sie mitessen kann. Wenn er weich ist, teilen, Kerne raus, kleinschneiden. Man kann ihn eigentlich schon so essen, sollte aber etwas für die Suppe übrig lassen.
Das Hackfleisch zusammen mit dem Ingwer und der Paprika scharf anbraten. Paprika und Hackfleisch brauchen annähernd gleich lange. Wenn das Hackfleisch genug angebraten ist geben wir kurz vor Ende des Vorgangs noch die gehackten Zweibeln dazu.
Dann kommt das angebratene Hack in den Suppentopf, Wasser drauf, Brühwürfel rein, kochen. Geschnittenen Kürbis rein, wer unbedingt will darf auch noch ein paar mehlige Kartoffeln hinterherwerfen.
Man lässt die ganze Sache noch ein wenig kochen, der Kürbis wird noch weicher, nicht pürieren! Dann Salz, falls noch welches fehlt, Pfeffer, der Große Bloguator™ schummelt meist auch noch ein wenig Chillie dazu. Zum Schluss ein halber bis ganzer Becher Creme fraiche - fertig. Bong Appetit!
Erfahrungen, die man nicht selbst machen muss:
- Das Weichwerden im Backofen funktioniert z.T. auch mit Spaghetti-Kürbis, aber nicht mit dem festkochenden Rippenkürbis/Halloween/Schnitzkürbis/KeineAhnungwiederrichtigheißt. Beim festkochenden bleibt die Schale hart und er lässt sich noch nicht einmal besser schälen.
- die Fette Brühe in Würfelform hat die Besonderheit, dass es sich eigentlich um Gemüsebrühe handelt. Gleichzeitig ist sie weniger penetrant als das Gemüsebrühe-Zeug, das üblicherweise im Glas verkauft wird.
28 Dezember 2015
Antiquität
Die Geschichten für Niemand sind noch in alter Rechtschreibung, mit dass/daß und solchen Sachen, bringe ich vielleicht später mal auf neueren Stand, oder als zeitgeschichtliches Dokument: Nie.
Falls sich jemand interessiert:
Geschichten für Niemand → http://100goldfischli.bplaced.net/oder rechts in den Links. Ja.
26 Dezember 2015
Roter Bastard¹
Eine Art veganer Risotto - nur ohne Reis
Auf Wunsch einer einzelnen Leserin malen wir derzeit nicht nach Zahlen, sondern kochen nach Farben. Diese Woche kochen wir rot.
""Rot" bedeutet im Haushalt des Großen Bloguators™ fast immer "mit Tomate". Manchmal auch "mit Paprika", häufig "mit Chili" oder wenigstens mit Paprikapulver. Und möglichst ohne Blut.
Das im folgenden beschriebene Gericht ist ein Bastard aus Risotto und der bekannten Schnelle-Rote-Linsen-Suppe. Es entstand aus der Frage: "Was macht man eigentlich mit ganzen Weizenkörnern?"
"Man" heißt dabei "Deutschstämmiger Kunde des türkischen Supermarktes", deutsche Supermärkte haben nämlich in der Regel keinen ungemahlenen Weizen. Außer KAUFLAND, aber dazu kommen wir am Ende. Und Türken machen aus dem Weizen eine Süßspeise.
Das Gericht hat noch ein weiteres illegitimes Elternteil, nämlich Bechamel bzw. Einbrenne. Aber hier geht es ja gar nicht um die Erbfolge.
Aaaaalso, wir kaufen ein, bzw. haben sowieso immer da:
- Weizen, ganze Körner, gibt es in 500g-Paketen
- Tomaten mit Geschmack
- Distelöl
- Zwiebel
- Rosmarin
- "fette Brühe" von KNORR, total vegan
- Salz, Pfeffer
Mengenangaben sind beim Kochen mit dem Großen Bloguator™ schwierig. Wenn man mit 200g Weizen beginnt, vielleicht 250g Tomaten und 200ml Wasser.
Der Weizen wird trocken in dem Topf geröstet. Bei unbehandeltem Weizen braucht das eine ganze Weile, man muss den Mut zu ausreichend viel Hitze haben, und wenn er verbrannt ist wirft man ihn weg. Also nochmal: Man röstet den Weizen voooorsichtig an. Dass die Sache funktioniert und interessant wird erkennt man am Duft, der nach kurzer Zeit dem heißen Weizen entströmt.
Das dauert leider erstaunlich lange, man bleibt so lange daneben stehen und wenn er braun geworden ist, füllt man mit Distelöl großzügig auf bis Oberkante Weizen.
Das ist der Bechamel-Augenblick!
Bzw. der Einbrenne-Moment?
Ach, egal: Aus den sehr heißen Weizenkörnern ist auch der letzte Rest Feuchte verdunstet, jetzt füllen sie sich schlagartig mit dem Öl und die enthaltenen Stärken beginnen zu fermentieren. Daraus bildet sich Dextrin, welches die Fähigkeit hat, Flüssgkeit anzudicken. (sagt Paul Bocuse um 1975, keine Ahnung, wie weit die Wissenschaft inzwischen wirklich ist).
Wir haben jetzt also eine Mischung aus gerösteten Weizenkörnern und sehr heißem Distelöl. Dort werden die kleingeschnittenen Tomaten hineingegeben. Dann kommt noch etwa dieselbe Menge an Wasser hinzu, die Brühwürfel, Salz, Pfeffer, Rosmarin
Dann lässt man die Sache einfach eine Weile vor sich hin kochen, der Weizen braucht mindestens eine halbe Stunde. Kurz vor dem Ende kommen die Zwiebeln und etwas Zucker dazu. Noch ein paar Minuten weiter kochen und fertig.
Der rote Frument'otto oder Granotto ist sehr einfach herzustellen, erfordert keine große Erfahrung - er geht nur nicht schnell. Man braucht jedenfalls Geduld.
Für den Profi-Esser: Es hat keinen Sinn, damit erst anzufangen, wenn man bereits hungrig ist! Wenn die Sache eilt, sollte es besser Rote-Linsen-Suppe werden. Die beruht auf beinahe denselben Grundlagen, nur Linsen statt Weizen.
Die KAUFLAND-Anmerkung:
Normale deutsche Supermärkte führen gar keine Weizenkörner. Aber aus völlig undurchsichtigen Gründen hat Kaufland sogar *vorgegarten* Weizen. Das scheint so etwas wie Parboiled-Reis zu sein, nur in Weizen. Fehlt eigentlich nur der Kochbeutel.
Das *vorgegart* klingt erst einmal sehr verführerisch, er braucht zum Weichwerden tatsächlich nur ein Drittel der Zeit. Allerdings ist er beim Rösten *überaus* *heikel*. Es braucht einige Minuten, bis der Weizen die erste Farbe annimmt - und wenige Sekunden später ist er auch schon verbrannt.
Und die Distelöl-Erweiterung:
Mit anderem Öl schmeckt die Sache nicht. Raps-Öl taugt sowieso zu gar nichts, und Olivenöl passt nicht zum Weizen. Es muss also Distel-Öl sein und nichts anderes.
¹ Anmeldung Guinness-Buch in der Kategorie "Reißerischste Überschrift 2015" läuft
24 Dezember 2015
Straße rüber
In Berlin haben wir eine schöne Tradition: Wenn kein Auto kommt gehen wir über die Straße. Fußgängerampeln haben dabei eher so Hinweis-Charakter.
Die heutige Soziologengeneration könnte das vielleicht als "ergebnisorientiertes Handeln" brandmarken. Tut sie aber nicht, weil der heutigen Soziologengeneration so etwas nicht auffällt, obwohl es sich ganz eindeutig um ein Defizit handelt. Also, nicht bei den Berlinern, sondern bei den jugendlichen Zugereisten aus der Provinz.
Man erkennt sie daran, dass sie entweder auch mitten in der Nacht, werktags, an einer menschenleeren Straße ohne jeglichen Verkehr vor einer Fußgängerampel stehen bleiben, sofern sie Rot zeigt. Oder sie laufen blind über die Straße, auch mitten im Berufsverkehr und wenn die Stelle total unübersichtlich ist, wo also niemand bremsen könnte, selbst wenn er es wollte. Und die meisten deutschen Autofahrer wollen doch noch nicht einmal.
Anscheinend lernen in einigen Bundesländern Kinder heute nicht mehr, wie man über die Straße geht. Liegt vielleicht daran, dass im Deutschland der Gegenwart bis zum sechzehnten Lebensjahr die Mama immer zur Stelle ist und den Jugendlichen an der Hand nimmt, wenn er über die Straße muss. Oder sie bringt ihn gleich da hin, wo ihn sein heutiger Termin hin führt - im SUV aus der eigenen Eigenheimgarage bis vor die Tür des zu besuchenden
Später verschlägt es den Jugendlichen dann nach Berlin, wohl weil es in der Biografie jedes Provinzabiturienten unheimlich gut aussieht, wenn man zwischen neunzehn und einundzwanzig eine Weile "in Berlin gelebt hat". Was danach auf dem Lebensweg zu geschehen hat, hat die Mama dem Kind bereits Jahre vorher fest einprogrammiert. Aber dazwischen zwei Jahre Berlin. Und hier wollen sie über die Straße.
Die einen ziehen dann die Nonkonformistenuniform an und etliche von ihnen meinen, dass diese sie auch vor heran rasenden Autos schützt.
(die Fortgeschrittenenvariante dazu ist übrigens der Kreuzberger Suizidradler:
Das ist derselbe Typ Jugendlicher, der nur leider vergessen hat, nach einer Zeit des "Auslebens" den von Mama geplanten Lebensweg wieder einzuschlagen. Ein elender Rechthaber, der unerschütterlich an die eigene Unverwundbarkeit glaubt und in jedem anderen Verkehrsteilnehmer nur biologischen Abfall erkennt, egal ob es sich dabei um Fußgänger, Fahrrad- oder Autofahrer, Rentner, Behinderte oder Kleinfamilien handelt¹)
Die anderen der neu zugereisten kleiden sich immer noch wie Mamas Liebling, blankgeputzte Schuhe, Trenchcoat, Burberry-Schal, schwarze Hornbrille, Jutebeutel, und bleiben brav an jeder roten Ampel stehen.
Immerhin pöbeln die alle nicht herum, wenn der Stadt-Berliner sich benimmt als wäre er zu Hause: "ROT!" Das wiederum rufen nämlich häufig die Berliner aus den Randbezirken und wenige innerstädtische Rentner, die ihre Erziehung noch zu Vorkriegszeiten genossen haben. Diese Leute wissen zwar genau, wie das mit der Straße funktioniert, kommen aber nicht darüber hinweg, dass manche ihr Leben anders anwenden: "Was Recht ist muss Recht bleiben!" oder "Rot gilt für alle!"
Vereinzelt bleiben hier aber auch junge Erwachsene in Nonkonformistenuniform an roten Ampeln ohne Autoverkehr stehen. Die sind ein großes Rätsel. Sie wissen anscheinend noch nicht so genau, wo ihr Lebensweg sie hin führen soll.
Hm. Trotzdem: Lernt man heute als Kind nicht mehr, wie man über die Straße geht?
¹ trifft man gelegentlich auch in der Darreichungsform des "Messenger", das ist neuhochdeutsch für "Fahrradkurier"
14 Dezember 2015
Grünes Zeug
Auf dem Markt bekommt man Auberginenpüree, so eine Paste für zum Brot dazu. Der Goße Bloguator™ wird bekanntlich sehr selten von Bedenken oder Einsicht geschüttelt und kommt daher auf den naheliegenden Gedanken "Das kannst du doch auch!"
Naheliegend, aber falsch. Nach etlichen Versuchen befand sich das berichterstattende Küchengenie wieder am Anfang. Zum Glück war keine da, die das alles essen musste.
Irgendwann lagen die erforderlichen Zutaten aber durch Zufall genau nebeneinander auf dem Küchentisch. "Zufall" ist das Wort dafür, wenn Der Große Bloguator™ wieder einmal hungrig einkaufen war und vom Markt den Wochenbedarf für eine sechsköpfige Familie in seinen Single-Haushalt geschleppt hat.
Nebeneinander lagen in diesem historischen Augenblick
- Kichererbsen, getrocknet
- Auberginen
- Zucchini
- Olivenöl
- Kräuter der Provence
- Lauchzwiebel, Knoblauch, Chillies, je nach Geschmack (doch, sowas liegt hier herum)
Die Kichererbsen werden eingeweicht (bequem über Nacht. Eine Stunde vorher reicht aber auch) und dann weich gekocht. Die Auberginen und Zucchini legt man im ganzen auf ein Backblech und lässt sie im Backofen weich werden. Je nach Frischegrad des Gemüses dauert das eine ganz unterschiedlich lange Weile, bei 200° zwischen 15 und 45min. Nicht anbrennen lassen!
Wenn die Auberginen ausreichend weich geworden sind kann man sie der Länge nach halbieren und das Fruchtfleisch herauslöffeln. Die Zucchini muss man ein wenig kleiner schneiden. Kichererbsen und etwas Olivenöl dazu und alles pürieren. Die kleingehackten "je-nach-Geschmacks" kommen erst nach dem Pürieren rein, damit man auch was zu beißen hat.
Das ganze ist wohl eine Beilage, keine Ahnung, kann man mit Fladenbrot essen, oder sich einfach so damit vollstopfen. Wer genau hinkuckt: Versehentlich ist es auch vegan, wieder einmal.
Abstrakte Hinweise:
- die Kichererbsen einen Tag vorher einzuweichen kann eine Herausforderung sein. Eine Stunde vorher ebenfalls. Wem das alles zu viel Vorausschau und Planung ist, der kann gekochte Kichererbsen aus der Dose nehmen. Die sind *noch* *leichter* zu verarbeiten und noch viel weicher. Das Ergebnis wird deutlich matschiger als mit den getrockneten, kann man mögen, muss man aber nicht.
- je nach Mischungsverhältnis von Gemüse zu Kichererbsen kann das Grüne Zeug unangenehm trocken ausfallen. Mit mehr Olivenöl wird es geschmeidiger - aber auch sehr gehaltvoll. Deshalb nach dem Kochen das Kichererbsenkochwasser aufheben, um bei Bedarf die Paste damit zu verlängern.
12 Dezember 2015
Rotes Zeug
Dabei entstehen immer wieder Dinge ... öhm: Gerichte, Lebensmittel ... die so in keinem Kochbuch stehen. Heißt: Der Große Bloguator™ experimentiert gerne. Ist ja auch nicht peinlich, so lange keine da ist, die das ganze Zeug essen muss.
Außerdem muss dieses Blog irgendwie voll werden. Also, beginnen wir mit Rotem Zeug.
Die Sache entwickelte sich daraus, dass der Große Bloguator™ eine große Dose öffnete, die er für Tomaten hielt, weil darauf Tomaten abgebildet waren. Achthunderfünfzig Gramm. Beim Öffnen stellte er fest, dass es sich nicht etwa um Dosentomaten handelte, sondern um TomatenMARK. Die Dose war nämlich ausschließlich in fließendem Türkisch beschriftet, aber ohne Untertitel. Und achthunderfünfzig Gramm.
Tomatenmark ist dieses Zeug, das in Deutschland üblicherweise in kleinen Tuben verkauft wird, 50 Gramm. Und diese Tuben kriegt man nie leer, bevor es komplett verdorben ist. Nie.
Was macht man also mit acht(!)hundert(!)fünfzig(!) Gramm Tomatenmark?
Von einem treuen Blogleser kam der Vorschlag, es doch mit Olivenöl zu mischen und glatt zu streichen. Das klang hilfreich, aber auch ein wenig uninteressant.
Daraus entwickelte sich folgende Situation:
- ca. 50g Walnüsse
- kleine Dose Tomatenmark
- mittlere Zwiebel
- 0,3l Olivenöl
- Salz, Pfeffer, bisschen Rosmarin oder Chili vielleicht
(oder 100g Walnüsse, große Dose Tomatenmark, große Zwiebel)
Die Walnüsse werden gehackt, aber nicht allzu fein. Dann werden sie in einem offenen Topf trocken geröstet, das braucht ein wenig Übung und nicht zu viel Hitze, dauert 5-10min.
Sobald die Walnüsse einige schwarze Stellen haben, füllt man mit viel Olivenöl auf. Sehr viel Olivenöl! Nicht nur die Walnüsse sollen bedeckt sein, sondern deutlich schwimmen. Sobald das Öl heiß ist, die gehackte Zwiebel dazu und gleich anschließend das ganze Tomatenmark.
Gut durchmischen und zur Haltbarmachung noch einige Minuten "kochen". Bisschen Salz und Gewürz ran. Fertig.
Der Große Bloguator™ benutzt das Rote Zeug als Brotaufstrich. Aber man findet schnell heraus, dass man es auch ohne Brot essen kann. Suchterzeugungsfaktor: Etwa Nutella.
Edit - Was man alles falsch machen kann:
- Tomaten schmecken nicht, wenn sie kalt sind, das Rote Zeug isst sich sowieso am besten "frisch" und noch warm
- die Walnüsse entfalten ihren Geschmack beim Draufbeißen. Wenn man sie zu fein hackt oder womöglich mit püriert, funktioniert die Sache nicht
- Beschränkung auf ganz wenige Gewürze - nicht alles reinwerfen, was das Gewürzregal hergibt
und demnächst in diesem Kochstudio: Grünes Zeug und Das einfachste Gericht der Welt
27 November 2015
Sonderzeichen
"Hallo? Ich soll ein Passwort festlegen, aber das klappt nicht. Ist da was kaputt?"
"Was haben sie denn gemacht?"
"Ich habe es dreimal versucht, aber mein Passwort wurde abgelehnt. Abgelehnt! Da ist doch was kaputt, oder?"
"Nein, das ist so gewollt."
"Bitte?"
"Damit ihr Passwort sicher ist, muss es aus mindestens zwölf Zeichen bestehen, Groß- und Kleinbuchstaben, eine Ziffer sowie ein Sonderzeichen enthalten."
"Mindestens zwölf Zeichen, Groß- und Kleinbuchstaben, eine Ziffer sowie ein Sonderzeichen? Fragezeichen?"
"Ja."
"Wirklich?"
"Ja."
"Und aber ich soll für jede Webseite ein anderes Passwort verwenden?"
"Ja."
"So ein Passwort kann sich niemand merken."
"Aber es ist sicher."
"Aber das kann sich niemand merken!"
"Aber es ist sicher."
"Das ist doch absurd!"
"Aber es ist sicher!"
"Aha...
...... und das, liebe Kinder, ist der Grund, warum wirklich niemand, der halbwegs bei Verstand ist, IT-Leute ernst nimmt.
...
... ähm ... wie macht das denn der Profi?"
"Wer?"
"Sie! Wie merken SIE sich ein Passwort aus mindestens zwölf Zeichen, Groß- und Kleinbuchstaben, mindestens einer Ziffer sowie Sonderzeichen?"
"Das ist doch nicht schwer!"
"Bei einem einzigen Passwort vielleicht nicht, aber wenn ich zwanzig unterschiedliche brauche, wird es schwer. Ich habe verschiedene Accounts, ich brauche zwanzig unterschiedliche. Also: Wie merken Sie sich das?"
"Der Profi speichert das in einer Datei, selbstverständlich."
"In? Einer?? DATEI???"
"Selbstverständlich."
"Und ... und ... wenn die Datei jemand stiehlt, dann hat er ALLE meine Passwörter?"
"Die Datei darf natürlich niemand stehlen."
"Mein Passwort darf auch niemand stehlen. ES WIRD ABER GEMACHT!"
"Die Datei darf natürlich niemand stehlen."
"WIE zum Teufel soll ich das verhindern?"
"Sie können die Datei beispielsweise mit einem Passwort schützen."
"Lassen Sie mich raten: Ein Passwort aus mindestens zwölf Zeichen, Groß- und Kleinbuchstaben, einer Ziffer sowie einem Sonderzeichen?"
"Genau!"
24 November 2015
Stick. And Poke!
Beim Betrachten fällt einem natürlich auf, dass der Kameramann immer nur die eine Blondine in Großaufnahme zeigt, wo die andere doch mindestens genauso schön singt. Naja, Männer¹.
Stammt von dieser → Playlist, welche sich mit Folk(?) Rock(?) Punk(?) oder so beschäftigt, alles wiederkehrende Themen im Leben des Großen Bloguators™. Auch mal auf Days’n’Daze und Railyard Ghosts achten!
¹ Fachmann sagt:
"Ich kenne meine Pappenheimer - ich bin ja selber einer".
23 November 2015
Wahrlich!
Wahrlich ich sage dir...
... so groß ist mein Sockenschuss gar nicht - auch wenn es für das ungeschützte Auge so aussehen mag: Allein, Dinge, die andere Leute intuitiv erledigen, mache ich planvoll und nach reiflicher Überlegung falsch.
Jeder hat seine Talente und Begabungen.
21 November 2015
Suprise, surprise!
Hallo? Was ist passiert? Was lest Ihr da so eifrig? Nachdem die Nachfrage in diesem Blog in den letzen beiden Jahren ziemlich dahindümpelte, scheint plötzlich irgendwer zu lesen – aber was? Im Archiv, sieben, acht Jahre alte Posts? Hal-lo-ho?
Also? Wenn Ihr mir sagt, was Ihr da so interessant findet, kann ich vielleicht was neues dazustellen?
20 November 2015
Speed und Musik
Hier im Blog wird ja des öfteren Musik behandelt, und zuweilen Zeichnungen und Kunst. Da der Große Bloguator™ gerade kein geeignetes selbstfabriziertes Material zum Veröffentlichen hat, vorläufig wieder ein Link¹:
Verdammt! Ich kann immer noch nicht genug Italienisch, um zu verstehen worums da geht!
¹ mehrteilige Fortsetzungsgeschichte ist in Arbeit und über Xavier Naidoo kann ich mich einfach! nicht!! genug!!! aufregen!!!!
19 November 2015
Aeronauten!
Ha! Gestern waren die Aeronauten wieder mal in der Stadt – und ich habe sie gesehen. Ich wiederhole: Ha!
Die Kerle sind dermaßen produktiv, dass ich bis heute keinen richtigen Überblick über all ihre Erzeugnisse habe. Daraus ergibt sich, dass ich die meisten der gespielten Stücke wieder einmal nicht kannte. Macht aber nix: Die alten Männer haben das Haus gerockt. Waren knappe zwei Stunden zugange und haben nur Tanzmusik gemacht… supersupersupersupersuper!
Hach…!
Auf der Bühne spielen sie vor allem ein großartiges Mashup von Police/Everybreathyoutake und Aeronauten/Freundin, welches ich als Aufzeichnung leider noch nirgends gesehen habe. Also: Die mashuppen live ihr eigenes Zeug. GEIL!
Ersatzweise diesen Link zu Freundin
16 November 2015
Herzchen!
Ich schmelze dahin!
Originalvideo hier - erscheint hier nur, weil es sich auf Twitter nicht ordentlich verlinken ließ!
14 November 2015
Werkzeug und Hilfsmittel
Gefängnis und die Feile in der Torte - man kennt das Bild aus seiner Jugend, aus den Donald-Duck-Comics, aus dem Stummfilm, aus lustigen Geschichten. Beim Stichwort Gefängnis muss beinahe jeder sofort an die Feile in der Torte denken.
Nein, hier kommt keine Kritik: Das sei doch alles ganz einfach, das könne man doch ganz leicht besser machen und alle Schuldigen seien sofort zu entlassen. Nein nein.
Aber einfaches Staunen muss erlaubt sein, darüber, wie sich aus Unaufmerksamkeit, Zufall und Schlamperei eine günstige Gelegenheit wie aus dem Bilderbuch ergibt. Wir lesen:
Ja, natürlich, Der Wunsch, das Gefängnis ohne Verbüßung allzu langer Strafen zu verlassen, ist sicher verbreitet (angeblich ist der Versuch oder vollendete Ausbruch nicht einmal strafbar). In einer großen Stadt sitzen ständig hunderte hinter Gittern und beinahe täglich seilt sich auf die eine oder andere Weise einer unerlaubt ab. So weit, so klar.
Hier geht es um das WIE, um die tiefere Ästhetik des Abhauens.
Wir lesen nämlich: Ein Gefängnis wird umgebaut. Aber Gefangene können sich in dem umzubauenden Bereich aufhalten. Wegen des Umbaus (oder obwohl) werden die Gefangenen nicht bewacht. Sollte auch so gehen, denken wir, dafür sind ja die Gitter...
... nun erfährt man, dass die Handwerker zum Umbau alltägliches Handwerkszeug verwenden, Leitern und elektrische Trennschleifer – von wegen Feile. Und dass die Handwerker in den Pausen und nach Feierabend Werkzeug und Leiter auf der Baustelle liegen ließen. Was soll da auch passieren, die Baustelle ist ja bestens bewacht?
Dann gibt es im Gefängnis noch genau eine Stelle, an der die Mauer nur halb so hoch ist wie überall sonst. Und es gibt einen Weg, wie die Gefangenen direkt an diese eine Stelle der Außenmauer gelangen, anstatt weiter innen aufgehalten zu werden.
Atemberaubend. Hat jemand mitgezählt, was da alles schiefgegangen ist?
Lustigstes Detail: Ein jüngerer Ausbruchswilliger konnte “auf der Leiter stehend davon überzeugt werden”, nicht zu flüchten. Das klingt wie der reine Slapstick. Vielleicht wollte er doch nicht so dringend weg.
Und der andere, dem diese unglaubliche Verkettung von Chancen einen Weg nach draußen geöffnet hat, versteckt sich so clever, dass er nach genau einem Tag(!) wieder eingebuchtet wird. Nun ja, wären diese Jungs klug, würden sie vermutlich nicht sitzen.
An sich eine prima Vorlage für einen Kurzfilm. Als krachende Schlusspointe: Geburtstagstorte mit einem Trennschleifer drin. Kabelgebunden.
12 November 2015
Lieber
Nur wegen der tiefen Poesie, die in diesen Text inhabited:
Lieber Herr,
Ich lade Sie auf die Partnerschaft mit mir in eine Geschäftsmöglichkeit.
Wenn Sie sind aufrichtig und bereit zu arbeiten mit me.I müssen Sie mir im Umgang mit der Übertragung einer großen Summe Geld von Hong Kong zu Ihrem Land zu unterstützen.
Alles an dieser Transaktion rechtlich ohne Probleme durchgeführt werden. Sobald das Geld wurde tranfered und es in Ihrer Buchhaltung ist, werden wir im Verhältnis zu teilen, die von mir und euch zu vereinbaren.
Wenn Sie interessiert sind,
Kontaktieren Sie mich durch meine private E-Mail-Adresse: fslbf@aim.com
Und ich gebe Ihnen weitere Details.
Ich warte auf deine Antwort.
Aufrichtigen Grüße,
Herr Tak Shunji.
fslbf@aim.com
Bitte retweeten, gerne auch refacebooken – oderwieauchimmermandazujetztsagt.
10 November 2015
Tier und Tod
Der Große Bloguator™ wäre gern Vegetar. Er ist aber als Fleischesser aufgewachsen und wird sofort schwach, wenn ihm jemand ein Stück Fleisch unter die Nase hält. Stichwort: Grillabend.
Es geht dabei um Ethik und Moral, irgendwie, Folgerichtigkeit und konsequentes Handeln. Ja, pretty deep, ich weiß. Der Umstand, dass Fleisch aus Tieren besteht, wird dabei als bekannt vorausgesetzt. Und genau hier liegt ein überraschender Punkt: Anscheinend weiß das gar nicht jeder!
Das folgende Video ist schon 3 Jahre alt und stammt aus Brasilien, könnte man aber vermutlich völlig identisch in einem deutschen Supermarkt drehen:
Der Link dazu stammt ursprünglich von @StereoSushiSu auf Twitter, welche den Großen Bloguator™ aus irgendeinem Grund geblockt hat (“Denn sie wissen nicht, was sie tun”), aber dennoch gelesen wird.
(dort wird als Quelle auf einen Facebook-Kanal verwiesen. Der hat das Video keineswegs selbst aufgenommen, sondern verbreitet es nur unter seinem eigenen Namen weiter, wobei er leider leider vergessen hat, den Verfasser, Urheber und Darsteller irgendwo zu erwähnen. Aber er möchte mit der Tränenzieher-Masche gerne noch als “Bildungseinrichtung” finanziell über Patreon gefördert werden. Ganze Kanäle voll mit geklautem Zeug. Arschlöcher. Nunja¹)
Eigenes Recherche-Ergebnis: Das Video selbst stammt wohl vom brasilianischen Fernsehkanal SBT und wurde offenbar in einem real existierenden Supermarkt mit Fleischtheke aufgenommen. Dafür ist zunächst einmal dem Kaufmann zu danken! Und natürlich dem TV-Sender.
Die Idee zu dem Sketch ist nicht ganz neu. Von dem Video gibt es eine englische Version, die in einer Art Fernsehstudio spielt und bereits ein Jahr früher hochgeladen wurde. Die wirkt etwas weniger authentisch, ist aber früher. Mit einfachen Mitteln ist der Autor der Geschichte nicht weiter feststellbar. Immerhin, Webseite der Englischmänner findet man hier.
--- hier könnte eine schöne Majuskel einen neuen Abschnitt ankündigen ---
So, nochmal zu dem Untertitel Ergänzung und zurück zu @StereoSushiSu – dort wurde nämlich kürzlich auch das folgende Zitat aus den Kommentaren zu einem veganen Rezept vorgestellt:
Womit wir wieder beim “Trollen – aber richtig” aus dem vorigen Blogeintrag wären:
Von der Handlungsweise könnte das eigentlich klassisches Trollverhalten sein – Veganern vorschlagen, dass man Würstchen und Speck ins vegane Essen geben könnte, damit es besser schmeckt². Die regen sich darüber zuverlässig auf.
Aber, wie wir sehen: Anscheinend wissen tatsächlich viele Leute nicht, dass Würstchen und Speck aus Tier bestehen. Damit ist das keineswegs mehr Trolling, sondern einfach nur Bildungsnotstand, wie er sich gerade in Deutschland – und nicht Brasilien – immer mehr ausbreitet.
Tja. Ich werde diesen Eintrag wieder einmal unter Freudlose Predigten taggen.
¹ Arschloch heißt in diesem Fall Gary Yourofsky auf Facebook. Mehr muss man nicht wissen.
² "Spinat schmeckt wesentlich besser, wenn man ihn vor dem Verzehr durch ein großes Schnitzel ersetzt." Sorry, ich musste es einfach tun.
³ und eigentlich sollte hier endlich mal ein Beitrag über das Geltungsbedürfnis von Foren-Schreibern erscheinen
26 Oktober 2015
Trollen, aber richtig!
In jeder Diskussion im Internet findet sich immer mindestens ein Teilnehmer, der nicht bemerkt, dass er es nur mit einem Troll zu tun hat¹.
Der Troll selbst hat an der Diskussion überhaupt kein Interesse, sondern nur an der Wirkung seiner Intervention.
Wie man richtig und erfolgreich trollt, sieht man hier (Bild bearbeitet und aufs wesentliche zusammengestaucht):
...
...
... wer den hier vorgestellten Ansatz lieber noch einmal erklärt haben möchte, wendet sich vertrauensvoll an Den Großen Bloguator™.
¹ woran auch immer das liegen mag. Mögliche Erklärungsansätze sind: Natürliche Dummheit - ärztliches Attest bzw. elterliche Humorbefreiung - Ironiedetektor defekt.
24 Oktober 2015
Für und wider
Aus unserer neuen Reihe “Interessante Konflikte” heute:
Bei diesem schönen Stück Film- und Erzählkunst handelt es sich um Werbung für Barbie.
via @klingnerin auf Twitter
… und weil es so schön ist, wird es ausnahmsweise nicht unter “Freudlose Predigten” verschlagwortet.
Früher und heute
Kürzlich stieß ich Der Große Bloguator™ im Internet auf einen schönen Diskussionsstrang: Lotus 1-2-3 and Windows 10.
Lotus 1-2-3 und damit alle anderen “Lotus”-Programme sind Software, deren Entwicklung etwa um die Jahrtausendwende eingestellt wurde, das ist heute also fünfzehn Jahre her. Es gab eine komplette Office-Suite, genau ganz ähnlich wie sie Micro$oft heute noch verkauft, Text, Tabellen, Präsentationen, Datenbank. Sie war ein wenig mackig, verschiedene Sachen funktionierten hervorragend, andere waren schlicht unmöglich, manchmal liefen die Programme etwas instabil, aber man gewöhnte sich dran.
In dem erwähnten Forum outen sich reihenweise Leute, die auch heute noch eine im Marketingsprech¹ “völlig veraltete Software” benutzen.
Der Große Bloguator™ kann diese Dinosaurier sehr gut verstehen, er hatte ebenfalls bis vor einigen Monaten Lotus Word Pro 98 in Betrieb – und es verfügte über Fähigkeiten, die MS Word bis heute nicht beherrscht (Formeln in Tabellen!).
Diese Vorrede soll vor allem eins illustrieren: Bestimmte Software war vor 15 Jahren völlig ausgereift. Sie konnte alles, was man so braucht. Jedenfalls Software für die meisten damals bekannten Aufgaben, also vor allem die Office-Programme, aber auch Bildbearbeitung.
Das ist deshalb witzig, weil Micro$soft, aber auch andere, immer noch so tun, als würden sie an dieser Software irgend etwas entwickeln. Wir erinnern uns: Nachdem man sich an die krude Logik des ganzen Micro$oft/Windows-Zeugs endlich gewöhnt hatte, wurde es zuerst durch die Ribbon-und dann durch die Kachel-Oberfläche wieder völlig unbenutzbar.
Eins der weltweit meist heruntergeladenen Programme überhaupt war eine ganze Weile ein Programm, das im Windows 8 einfach nur das Aussehen von vorher wiederherstellte: ClassicShell. Es gibt solche Helferlein auch für die MS-Office-Suite: UBitMenu.
Inhaltlich tut sich also seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten nichts. Jedenfalls nichts sinnvolles. Die cleveren Kaufleute versuchen aber immer noch, Office-Software mit dem Prädikat “NEU!” zu verkaufen. Das mag einem auf den ersten Blick unverschämt erscheinen, oder hoffnungslos.
Aber im Geschäftswesen gilt auch die Beobachtung: Es muss sich wohl lohnen – sonst würde es nicht gemacht.
Nun kann man sich fragen, wie viele Leute im Hause so einer Software-Schmiede mit welcher Arbeit beschäftigt sind. Das sind riesige Firmen mit zehntausenden Mitarbeitern. Vermutlich ist es so ähnlich wie bei den Autos: Kommen zwei Marketing-Experten und Werber auf zweitausend Ingenieure - oder ist das Verhältnis genau anders herum?
¹ kürzlich wollte mir doch so ein unverschämter Gebrauchtfahrrad-Dealer tatsächlich ein Rad mit einem Aluminium-Rahmen andrehen "weil das so schön leicht ist!" An Alu-Rädern ist erfahrungsgemäß gar nichts leicht, sonst würden ja ausnahmslos diese auf der Tour-de-France und den Rennbahnen der Welt benutzt. Aber er hat es allen Ernstes versucht.
14 Oktober 2015
Rumpelstilzchen
oder auch nicht.
Also: Die Frage hier ist, ob der Segler da nicht öfter mal auf die Steine gerumpelt ist.
Mal abgesehen von der warmen Musik (Otis Redding) sind das auch ganz schöne Bilder. Machen den Fachmann allerdings ein wenig unruhig.
Zur Erläuterung für die Landratten: Jeder Segler hat Angst um sein Boot, und anders als ein Auto kann es bei zu hartem Kontakt mit den Steinen tatsächlich schwer beschädigt werden. Dann geht es unter. Kann.
Der Große Bloguator™ kennt ebenfalls Leute, die so etwas unbedingt herausfinden müssen. Und gehört wohl auch selbst dazu.
Ort der Handlung: Irgendwo in Schweden, Video kommt via Segelschule Attersee
02 Oktober 2015
Zeitgemäßer Brückenbau
Mein Gott! Das hier ist ja mal geil!
*Großer Bloguator™ ringt nach Luft*
Der Große Bloguator™ interessiert sich aus verschiedenen Gründen¹ für Konstruktionen, die aufs wesentliche reduziert sind. Hängebrücken gehören da eindeutig dazu.
Bereits seit einigen Jahren Jahrzehnten gibt es Fasern, die bei gleicher Bruchlast und Querschnitt nur ein Viertel des Gewichts von Stahl beanspruchen. Sie sind selbstverständlich teurer und daher wird weiterhin hauptsächlich Stahl verwendet.
Stahl hat außer dem Gewicht noch den Nachteil², dass er nicht so flexibel ist wie Bündel aus tausenden hauchdünner Fasern: In Stahl kann man kaum Knoten machen und ihn ganz schlecht flechten.
In dem Video wird die Idee einer zeitgemäßen Konstruktion für Brücken vorgestellt: Wegen des Leichtgewichtes können die Trommeln mit hochfesten Fasern von sehr kleinen Drohnen bewegt werden, ein paar handelsübliche Teile für einige hundert Euro errichten in kurzer Zeit eine imposante und ausreichend tragfähige Fußgängerbrücke, sogar automatisch³:
Wer genau hinsieht (Segler): Die gewickelten Anschläge halten zwar vorläufig, aber entsprechen nicht unbedingt dem, was sich der Deutsche so unter “Sicherheit” vorstellt. Wenn sie mich fragen, zeige ich ihnen, wie die Drohne zwei halbe Schläge schnüren kann. … naja, wissen sie wahrscheinlich auch so längst …
… Palstek?
Den Entwicklern geht es wohl mehr darum, dass Roboter ganz autonom eine Brücke knüppern. Der Mensch vom Bau erkennt aber auch, dass alles, was man für eine Fußgängerbrücke über einen Canyon braucht, heute in einen Kofferraum passt.
bin via Taniths Blog drauf gekommen
an verschiedenen Stellen wird von den Entwicklern über das Projekt berichtet:
http://www.idsc.ethz.ch/research-dandrea/research-projects/aerial-construction.html
http://www.gramaziokohler.arch.ethz.ch/web/e/forschung/240.html
http://robohub.org/watch-flying-machines-weave-a-rope-bridge-you-can-walk-on
¹ Arschitekt, Ingenieur, Segler
² Stahl hat gegenüber den modernen Fasern auch Vorteile - die werden wann anders besprochen
³ ja ja, schon klar, handelsüblich ist da nur die Hardware! Entwicklungskosten der Steuerungssoftware sind unermesslich.
01 Oktober 2015
Edit
Und siehe – kürzlich hieß es noch, der Flughafen BER sei ganz, ganz kurz vor dem Einstürzen! Aber SO kurz davor!
Dann fängt irgendjemand an, sich darum zu kümmern. War wahrscheinlich noch nicht einmal der, dessen Aufgabe das eigentlich gewesen wäre. Sondern nur irgendeiner, der sich auskennt, der zufällig gerade den Frühstücksraum die Morgenkonferenz betreten hatte, und dem man wegen der gebotenen Eile gesagt hat “Kümmer dich doch da mal drum, da müsste mal jemand…”
Uuuuund: ZACK! … nee, nicht fertig, natürlich nicht, aber kann weitergehen…
Mannmannmann, was für Pfeifen!
meine Zeitung setzt der zuständigen Baubehörde ein Denkmal und stellt aus diesem Grund den zugehörigen Landrat vor: Der Mann spricht mir aus dem Herzen
25 September 2015
Skandale
Vor einigen Jahren verspielte die Berliner S-Bahn endgültig ihren Ruf als zuverlässiges Transportmittel: Ein gewisser Hartmut Mehdorn hatte in dem ihm unterstehenden Unternehmen weitreichende Sparmaßnahmen veranlasst, schließlich kamen seine Spitzenmanager auf die Idee, sogar die Sicherheitsnachweise und Service-Hefte zu fälschen.
Wie man als Erwachsener weiß, fliegen solche Sachen irgendwann auf, wenn es Mitwisser gibt, von denen auch nur einer Grund zur Unzufriedenheit hat.
Nach einiger Zeit flog die Sache auf. Zur Verantwortung gezogen wurde meiner Erinnerung nach nur der Lehrling, der auf Weisung die betreffenden Eintragungen vorgenommen hatte – alle Spitzenmanager redeten sich auf Unwissen hinaus und behielten weiter ihre Bezüge. Wegen Betruges wurde niemand angeklagt. Frechheit siegt.
Heute, etliche Jahre nach dieser Aktion, hat die S-Bahn immer noch nicht ihre alte Zuverlässigkeit wieder erreicht. Inzwischen wächst allerdings eine ganze Generation von Fahrgästen heran, die eine zuverlässige S-Bahn schon gar nicht mehr kennt und deshalb auch nichts vermisst. So kann man ein Problem natürlich auch lösen.
Unter dem Schlachtruf “Bock zum Gärtner” wurde derselbe Hartmut Mehdorn kurze Zeit später ausgerechnet Chef des ohnehin krisengeschüttelten Flughafenneubaus in Berlin. Dass das eine besonders blöde Idee war, ist den dafür Verantwortlichen inzwischen selbst klar geworden und mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung ist der gewisse Herr Mehdorn inzwischen nicht mehr Chef.
Noch in seiner Amtszeit, im Dezember 2014, wurden vom Berliner Abgeordneten Delius Fragen nach Problemen mit der Statik aufgeworfen. Diese wurden vom Berliner Bürgermeister bestritten. Leider irrte er sich da und die Probleme existieren doch. Er war wohl von den zuständigen Leuten falsch informiert worden¹. Im September 2015, also neun Monate später, wurde die Baustelle stillgelegt.
Die Kosten für jeden Tag Baustillstand in Schönefeld hat schon vor längerer Zeit jemand ausgerechnet, muss man anderswo nachschlagen, sie liegen auf jeden Fall im sechs- oder siebenstelligen Bereich. Pro Tag. Niemand kann das wollen – aber es ist ja auch wieder keiner verantwortlich.
Bei einem Problem wie dem vorliegenden geht man am Bau etwa so vor: Wenn sich herausstellt, dass die eingebauten Ventilatoren schwerer sind als zunächst gedacht - und diese Ventilatoren auch bereits eingebaut sind - herrscht keineswegs akute Einsturzgefahr. Bei allen Tragwerken werden für genau solche unerwarteten Fälle Sicherheiten vorgesehen, sie können ein mehrfaches der berechneten Lasten vertragen, ohne dass irgendetwas zusammenbricht. Das Dach oder eine Zwischendecke wird sich dann allerdings beispielsweise mehr durchbiegen als gewünscht und wenn die Ventilatoren dort bleiben, sind die Sicherheiten aufgebraucht, es darf wirklich nichts weiteres mehr schief gehen, etwa heftige Schneelast, ein Sturm, oder dass ein Baubetrieb einfach schweres Material dort abstellt. Deshalb darf das nicht zum Dauerzustand werden.
Wo die Ventilatoren nun eingebaut sind, würde der gewissenhafte Bauleiter den Bereich provisorisch abstützen. Kostet Geld und dauert ein paar Tage, klar. Anschließend wird jemand beauftragt, der sich Gedanken über die nachträgliche Verstärkung des Bereichs machen soll, üblicherweise ein Bauingenieur. Die Verstärkung wird eingebaut, die Abstützung entfernt und dann kann es weiter gehen.
Also: So würde jemand vorgehen, wenn er das Problem lösen will.
Der Abgeordnete, der bereits vor einem Dreivierteljahr danach fragte, hat sich das ja nicht aus den Fingern gesaugt. Es wurde ihm von irgendwo aus der Baustelle zugetragen, und das wiederum bedeutet, dass man das Problem dort sehr wohl kannte.
Eine Bauaufsicht, die sieht, dass das Problem behoben wird, schließt in der Regel die Baustelle nicht einfach. Oder anders ausgedrückt: Dass die Baustelle stillgelegt wurde kann nur bedeuten, dass in den besagten neun Monaten niemand an der Lösung des Problems auch nur gearbeitet hat.
Warum nur klingelt mir der Name Mehdorn immer so im Ohr? Der hat die Sache allerdings sicher nicht persönlich versaut. Aus irgendeinem unbekannten Grund gibt es allerdings naive Mitarbeiter in obersten Positionen, die ihre Arbeit zwar nicht machen, aber trotzdem glauben, sie würden bei einem so grundlegenden wie naheliegenden Problem nicht erwischt – obwohl die Sache schon lange in der Welt ist. Zur Verantwortung gezogen wird wahrscheinlich wieder nur der Lehrling, der das Auspacken der Ventilatoren überwacht hat.
Für so großspurige wie erfolglose Manager gab es bereits in den neunziger Jahren den Begriff “Nieten in Nadelstreifen”. Heute sagt man zu solchen Leuten am besten: Bildungsnotstand. Sie haben meist nicht nur Abitur sondern auch einen Studienabschluss, nur Gott weiß woher, haben sich in die bestbezahlten Positionen gehangelt, aber kennen entweder ihre Aufgabe gar nicht oder haben keine Lust, sie zu erledigen. Dafür erwarten sie aber dennoch Spitzenentlohnung.
Und in diesem Zusammenhang kann man auch den gegenwärtigen Diesel-Skandal bei VW sehen. Ein Betrug, bei dem jedem denkenden Menschen klar sein musste, dass er auffliegt: Es gab massenhaft Mitwisser und bei Millionen ausgelieferten Fahrzeugen liegt die Wahrscheinlichkeit, dass einer entscheidenden Person der Unterschied zwischen Theorie und Praxis auffällt, recht hoch. Die Frage war nur, wann. Selbst, wie viel es dann kosten würde konnte man sich bereits vorher ausrechnen.
Was geht in den Leuten vor die das angezettelt haben? Also, außer Gier und Faulheit? Die Entwicklung und Verteilung der Bescheißersoftware muss einige hunderttausend oder Millionen Dollar gekostet haben – über diese Größenordnung entscheidet nicht einmal bei VW der Lehrling oder der kleine Sachbearbeiter.
An VW ist ja das Land Niedersachsen nicht unwesentlich beteiligt. so wie an der Bahn der Bund und am Flughafen die Länder Berlin und Brandenburg. Aber nie-nie-nie wird bei diesen vorsätzlichen Betrugsdelikten einmal ein Täter wegen Betruges verfolgt. Er hat ja “im Sinne des Unternehmens” gehandelt und dabei nur versucht, andere zu betrügen. Ist das etwa die Logik? Niemand stört sich daran, dass der Ruf des Unternehmens dauerhaft beschädigt wird, was sich letztlich durchaus auf die Verkaufszahlen auswirkt.
Dafür genügt noch nicht einmal die Bezeichnung Bildungsnotstand. Aber die Begriffe Ignoranz, Vorsatz, Betrug, Gier und Versagen treffen es so annähernd.
¹ und das ist noch die sympathischste Annahme, die man zu diesem Fall treffen kann. Was, wenn sogar der Bürgermeister von dem Desaster Kenntnis hatte und es dennoch bestritt?
17 September 2015
Super? Markt!
Kürzlich wurde einem Lebensmitteldiscounter in Berlin verboten, seinen Supermarkt auch Sonntags zu öffnen. Da geht es ihm ähnlich wie zahlreichen Spätis (“Spätverkaufskiosk”, inhaberbetrieben), die gegenwärtig in Neukölln durch eine einzelne Behördenfachkraft ausgebremst werden.
Für beide Institutionen gilt das Berliner Ladenschlussgesetz (oder so¹), welches wg. Feiertag und Arbeitsschutz die Sonntags-Öffnung nur an besonderen Sonntagen oder an besonderen Orten erlaubt.
Die Neuköllner Spätis – eigentlich alle Berliner Spätis – haben sich dadurch eine Ausnahme erwirkt, dass in Berlin kaum irgendein Gesetz wirklich kontrolliert wird. Diese selbstgenehmigte Ausnahme wurde jüngst dadurch ausgehebelt, dass ein einzelner Sherriff mit den entsprechenden Befugnissen leider doch kontrolliert.
Nun sind Recht und Gerechtigkeit ohnehin nicht dasselbe, sondern bezeichnen ganz unterschiedliche Sachverhalte. Das ungerechte an der Neuköllner Späti-Situation ist, dass in Berlin eben nur im Bezirk Neukölln kontrolliert wird, und nur durch eine einzelne Person geltendes Gesetz durchgesetzt wird. Die Spätis der Nachbarbezirke haben jetzt einen Vorteil dadurch, dass die Konkurrenz der Neuköllner wegfällt. Das ist ungerecht – wird aber so gemacht.
Der Lebensmitteldiscounter in der Nähe der S-Bahn-Haltestelle Innsbrucker Platz hatte sich ebenfalls seine Ausnahme selbst genehmigt. In seinem Fall legte er das bestehende Gesetz beliebig weit aus.
Generell gilt, dass Lebensmittelgeschäfte in Berlin sonntags zu sind. Ausnahmen gelten für besondere Tage und Anlässe (sog. “Feiertage”², Messen), besondere Waren (Sortiment enthält ausschließlich Reisebedarf) und besondere Lagen (Bahnhöfe, Flughäfen, Museen).
Folglich öffnete der Supermarkt an jedem Sonntag, verkaufte sein gesamtes in der Discount-Kette übliches Sortiment und die längste Reise, die man von dem “Bahnhof” am Innsbrucker Platz direkt antreten kann, dauert eine Stunde – nämlich eine Runde auf dem S-Bahn-Ring. Kann man ja mal probieren.
Und tatsächlich: Bereits nach etwa acht Jahren fiel die Diskrepanz jemandem auf. Das zuständige Bezirksamt fand diese Auslegung eines unmissverständlichen Gesetzes³ doch sehr weit und untersagte die Öffnung am Sonntag. Selbstverständlich erhob der finanzstarke Discounter Klage vor Gericht gegen so eine sehr konsequente Umsetzung eines sehr unmissverständlichen Gesetzes. Kann man ja mal probieren.
Erweiterte sehr originelle Begründung übrigens: “Schließlich wussten doch alle davon!”, die Öffnungszeiten würden ja auf der Webseite des Landes Berlin veröffentlich. Für einige deutsche Kaufleute und Juristen kommt so ein Umstand anscheinend einer behördlichen Genehmigung gleich (Stichwort → Bildungsnotstand).
Eigentlich überraschend an der ganzen Sache ist, dass die Klage tatsächlich zurückgewiesen wurde, dass der Laden jetzt tatsächlich sonntags zu bleiben soll, genau so, wie es das Gesetz vorsieht. Berlin ist doch bekannt für sein weiches Herz und dafür, auch für das noch so abwegigste persönliche Spezialinteresse Verständnis zu haben, dazu zählen nicht nur Gender-Aktivisten, sondern durchaus auch Kaufleute. Gegen diese Entscheidung ist Beschwerde zulässig – wir dürfen gespannt sein.
¹ ah, da, habs gefunden: „Der Betrieb ist an Sonn- und Feiertagen geschlossen zu halten, soweit die §§ 4 – 6 Ladenöffnungsgesetz Berlin (BerlLadÖffG) nichts Abweichendes für den jeweiligen Sonn- oder Feiertag bestimmen.”
² in Berlin hat der Begriff “Feiertag” einen leicht ironischen Beigeschmack, weil hier eigentlich immer irgendwie Feiertag ist. Die deutschlandweit üblichen Verhältnisse von Arbeitszeit und Freizeit scheinen in der Innenstadt nicht zu gelten: Die große Zahl von Studenten und Touristen feiert ohnehin die ganze Zeit und die arbeitende Bevölkerung startet das Wochenende gerne mal bereits am Donnerstag – oder auch am Mittwoch, je nach Bedarf und Brückentag. Jedenfalls legt die Auslastung von Lokalen, Gaststätten, Bars und Clubs diesen Schluss nahe
³ die Unmissverständlichkeit des Gesetzes ist eher eine Ausnahme. Sie wird hier deshalb so hervorgehoben, weil Gesetze in Deutschland üblicherweise für den denkenden Menschen völlig unverständlich formuliert sind und selbst Fachleute weniger bekannte Gesetzestexte oft mehrfach durcharbeiten müssen, um deren Tragweite einigermaßen zu erfassen
05 September 2015
Live und in Farbe!
Sondern man kann im Internet Ereignisse live verfolgen. Nein, nicht nur so triviales Zeug, das im Fernsehen übertragen wird. Sondern triviales Zeug aus dem Fernsehen ganz ferner Länder. Aber auch Busse und U-Bahnen in Echtzeit fahren sehen. Oder Gewitter und Blitze mit nur minimaler Verzögerung! Ist das nicht großartig?
… hm?
Das war keine Frage! Doch!
Hier: Blitzortung! Mit nur ca. 7sec. Verzögerung!
04 September 2015
Penis-Theater
Auf Twitter wurde Der Große Bloguator™ kürzlich auf dieses Werk hingewiesen - wer eine Weile darüber sinniert, kommt ganz von selbst drauf:
Dieser an sich schon schauerliche Höhepunkt des niederen Humors wird auf AMAZON angepriesen, und an jener Stelle wird es dann richtig gruselig, weil "Kunden die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch"
- Kacka Sutra: 52 inspirierende Techniken, das große Geschäft zu verrichten
- Leben mit einem großen Penis: Rat Und Weisheiten Für Männer, Die Außerordentlich Gut Ausgestattet Sind
- Das KLO-Orakel: Erkenntnis aus der eigenen Scheisse ziehen. Ein Wahrsagespiel
- Fürze, Der ultimative Blähführer: Buch mit Soundkonsole
- Bilder, zu denen Sie nicht masturbieren sollten
Aber, pubertärer Humor hin oder her – anscheinend geben ein Haufen (sic!) Leute einen Haufen Geld dafür aus. Das Penis-Theater-Buch etwa liegt immerhin auf Rang 256 der Amazon-Bestsellerliste und ganz weit vorne in diversen Unterrubriken:
- Nr. 1 in Bücher → Geschenkbücher → Nach Personen → Männer
- Nr. 1 in Bücher → Geschenkbücher → Weitere Anlässe & Themen
→ Kunst, Musik & Architektur - Nr. 3 in Bücher → Geschenkbücher → Humor
03 September 2015
Kommunikation Vertrauen
Seit ein paar Tagen bin ich bei LinkedIn angemeldet, dem Business-Netzwerk. Hat sich so ergeben, weil ein Freund mich “eingeladen” hat, das ist der Fachbegriff, so sagt man wohl.
Das Angebot solcher Netzwerke an den Nutzer ist die Gewinnung von Kunden und anderen nützlichen Geschäftskontakten, eben durch Vernetzung. Der kommerzielle Netzwerkanbieter hat sicher eine Möglichkeit gefunden, auch an solchen Teilnehmern Geld zu verdienen, die einen Gratis-Account benutzen. So weit, so gut, als misstrauischer Mensch kann ich mir das bis dahin vorstellen und empfinde es auch als fair.
Nun macht mir LinkedIn Vorschläge, mit welchen anderen Mitgliedern ich mich vernetzen könnte – und da wird es interessant: Es schlägt mir tatsächlich Leute vor, die ich kenne. Mit vielen hatte ich aber auch seit Ewigkeiten nichts zu tun.
Hm. Woher wissen die, dass wir uns kennen - kannten - früher einmal gekannt haben - irgendwann einmal in ferner Vergangenheit begegnet sind? Ich habs ihnen ja nicht gesagt?
Entwickle allerschlimmste Zwangsvorstellungen darüber, auf welchem illegalen Weg die Firma Jahre alte Verbindungen zwischen mir und den anderen herausgefunden haben könnte: Hören die mein Telefon ab? Lesen seit fünfzehn Jahren meine Mail mit? Haben alles gespeichert was ich jemals unverschlüsselt über Internet gesendet habe?!?
Das wäre zwar technisch einfach, aber ja alles höchst illegal, nicht wahr? Und was illegal ist, wird ja auch nicht gemacht. Nie. Wissen wir doch alle. Schon gar nicht in der Wirtschaft.
Da muss es doch noch einen anderen Weg geben?
Suche eine Weile, erleide einen Herzstillstand, denn ich finde: “Laden sie hier Ihr Adressbuch hoch!”
Hallo?!? Ich habe das bislang immer als bösen Scherz über ahnungslose deutsche Abiturienten verwendet. Über Leute, die es wegen ihrer langwierigen und teuren Ausbildung wirklich besser wissen sollten, “Medienkompetenz”, aber ihr ganzes Adressbuch bei Facebook hochladen. Selbstverständlich einschließlich aller Daten, die da über mich drin stehen: Geburtsdatum, Wohnorte, alle Telefonnummern, alle Mailadressen, Zusatzinformationen, selbstverständlich auch die privaten.
“Wir importieren Ihr Adressbuch, um Kontakte vorzuschlagen und Ihnen bei deren Verwaltung zu helfen.”
Ja ja. Ist ja nicht so, dass da einzelne Personenkontakte gezielt eingespeist werden, sondern eben das GESAMTE ADRESSBUCH! Aaaargh!
“LinkedIn wird Ihr Adressbuch zu Ihrem Vorteil auswerten!” Das bisschen Bequemlichkeit genügt bereits, damit kluge und engagierte Menschen, vor denen ich viel Respekt hatte habe, komplett den Verstand verlieren.
Ich bin erschüttert. Aber so läuft das wohl inzwischen.
“Willkommen im richtigen Leben, lieber Goldfisch!”












