15 Dezember 2006
Musik und Tön
wir wohn' im altbau, vorderhaus, beede uff eene etage. durch dit holz von unsere wohnungstür kann man nich sehen - "dit sind türen, wa?" - aba prima hören.
wenn unsa nachbar sein' fußboden wischt, und ick komme die treppe hoch, denn kann ick hörn, dit er wischt. "Wischt er wieda", denk ick mir denn. aber dit tut er leider selten: Wischen.
und dit is ooch nich dit problem, diss er wischt, sondern ehmd, diss er sing'n tut. und wann. also: zu welche zeit. er kommt nämlich immer erst nächtens nach hause. So nach halb zwölf - und denn singt der!
also, nich dasser schlecht sing' würde, der tüp hat sogar ne prima stimme und so. aber der kommt nachts um halb zwölfe nach hause und denn macht er dit radio an und denn singt er mit!
ick will mich jar nich würklich beklagen, jedenfalls "nicht ohne hinreichenden anlass", wie meen anwaltsfreund imma würdich zu sagen pflecht. der hat sojar 'n juten jeschmack der nachbar, manchmal so jazz, manchmal so modernet zeuch und manchmal punk-rock - dit klingt prima, wenn der dazu singt. aba ick muss um halb fünfe raus. und wenn der nachts um zwei singt, kann ick nich schlafen! ausserdem hab ick angst, ick verpasse wat, der is würklich nich schlecht.
aba muss ick ja nu um halb fünfe raus, damit ick um halb sechse meen bus fahren kann. ick hab mir extra die frühschicht auf dauer jeben lassen, damit ick unsere tochter öfter mal früh vom kinderjarten abholen kann. kinderjarten is ja ooch arbeet für sie - sacht se. und denn da abends so als letzte alleene rumsitzen is nich schön. nu hol ick sie also kurz nach mittach da ab, und denn hat se frei von ihre arbeet und denn machen wer wat zusamm'. aba dafür muss ick morjens um halb fünfe raus.
meene tochter stört sowat ja nicht, jesinge, die schläft wie'n murmeltier. meene frau macht ihr eigenet ding, schneidert ihre eigene mode und so, die kratzt sowat ooch nich. aba mich!
letzte nacht kurz nach eins dröhnt von drüben jesang: "Ring of Fire", dit hab ick erkannt. jut - aba zu laut. Ick zu ihm hin. "Lieber herr nachbar - könn sie sich mit dem sing' nich auf tachsüber beschränken?" ick sach noch zu ihm: "Könn sie nich einfach tachsüber sing'?" aba kaum hab icks jeäußert fällt et mir wie schuppen von den haaren und wir sagen beede gleichzeitich - er: "Aber da bin ich doch im Büro!" und ick: "Aba da sind sie ja im Büro, wa!" schönet argument, aber nich sehr überzeujend - hilft nüscht, leida.
wie er die tür uffmacht hör ick ooch dit radio zu dem er singt. komisch, bei jeschlossene tür hört man dit jar nich, da hör ick nur seine stimme. dit scheint sone art resonanz zu sein. jedenfalls: der nachbar jelobt besserung. und für den abend is ooch ruhe. den nächsten natürlich nich mehr.
neulich kommter um mitternacht nach hause und singt wieder: Carmina Burana, dit hab ick erkannt. Dit MUSS man laut sing'!
ick rüber. er meint, in seine küche klingt dit jar nich so laut. und die küche is immerhin am weitesten weg von die tür.
ick biete ihm prügel an, janz freundschaftlich, ne ordentliche tracht, wenn er nich still is. er jelobt besserung. an sich isser 'n netter kerl. ick jeh wieder schlafen. jedenfalls versuch icks. ne halbe stunde später singt er wieder.
WATT SOLL ICK DENN NOCH MACHEN?!? ick bin eensneunzich und der tüp von nebenan is keene eensneunundsechzich! wenn ick dit halbe hemd anfasse bleibt nich mal staub über. und ick bin doch jar nich jewalttätich, ick müsste mich wirklich überwinden... um den tüpen mal ordentlich zu verdreschen.
der kerl macht mich fertich...
11 Dezember 2006
Transsylvanische Verwandte
"Meister, oh Meister! Ihr seht ja furchtbar aus! Was ist denn mit euch passiert?"
"Diese Deppen haben mich gepfählt."
"Oh, so viel Aberglaube! Aber geht es euch denn gut?"
"Na klar. Glaubst Du, ich habe denen erzählt, dass das Pfählen nicht hilft?"
"Ach, es hilft nicht?"
"Du bist noch nicht lange tot, was?"
"Äh, nein. Doch. Also: Zwei Wochen."
"Aha. Darauf hätte mein Büro achten sollen. Ich bevorzuge erfahrenes Personal!"
"Und jetzt?"
"Nichts jetzt, du kannst bei mir bleiben."
"Danke Meister! Ich meine: Geht es euch gut? Ihr seht aus wie ein Sieb!"
"Die ungeschickten Armleuchter haben den Sarg nicht aufbekommen. Deshalb haben sie auf Verdacht den Pfahl durch den geschlossenen Sargdeckel geschlagen. Zweiundzwanzig Mal! Wenn ich die in die Finger kriege! Oder zwischen die Zähne!"
"Jawohl, Meister! Ihr müsst Rache üben! Aber, wegen der Löcher: Man kann überall durch euch durchkucken! So viele!"
"Ach, das verwächst sich, dauert ein paar Wochen, tut nicht weh. Am schlimmsten ist der Schneider."
"Bitte?"
"22 Löcher im Jackett! Das ist mein Lieblingssacko! Was das wieder kostet! Sage mal, Du kannst nicht zufällig nähen?"
"Äh, nein, Meister."
"Dann musst Du wohl mit mir zusammen einkaufen gehen."
"Was?"
"Ich kann mich nicht im Spiegel sehen! Glaub nicht, dass es jeden Tag Spaß macht, ein Vampir zu sein."
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (9)
"Wie?"
"Oder gemischte Crews aus Hetero-Frauen und Männern? Dann könnten wir es wenigstens miteinander treiben, wenn uns langweilig ist."
"Keine Ahnung. Weiß nicht mehr. Es gab irgendeinen Grund. Ich glaube, sie hatten Angst, dass wir es miteinander treiben, auch wenn uns nicht langweilig ist."
"Meine Güte! Wie kann man so kleinlich sein! Mit solchen Bürokraten in der Evolutions-Hauptverwaltung wäre der Mensch vor Millionen von Jahren gleich wieder ausgestorben!"
"Mag sein. Möchten sie vielleicht heute einmal einen von meinen Videos ausleihen?"
08 Dezember 2006
Intermezzo
Weitreichende Inkompetenz in Tateinheit mit sprachlicher Inkontinenz. Logorrhoe, vulgo: Sprechdurchfall. Universalversager.
Psychosomatische Zahnschmerzen aufgrund fachlicher Probleme. Stichwort: Betonbeißer.
Knagge!
07 Dezember 2006
Kindergartennamen (2)
Äh: Hallo?!?
Was ist das für ein sonderbares Thema, für das ausgerechnet ICH so langsam DER DEUTSCHE FACHMANN zu werden scheine? Was ist denn wohl ausgerechnet an Kindergartennamen interessant? Oder schwierig? Kann doch nicht so schwer sein, sich da irgendwas farbenfrohes auszudenken. "Petra und Frau Wolf" oder "Blüten und Blumen" oder so? Überhaupt: Muss das denn wirklich sooo dringend ein sprechender Name sein? Gut, sowas wie in der alten Sowjetunion will man dann auch nicht haben, "Kindergarten Nummer Zwölf", die haben dort mitunter ganze Städte durchnummeriert. Aber was wäre denn falsch daran, wenn die Einrichtung "Kindergarten Prokoffieffstraße" hieße? Immer mal vorausgesetzt, dass der Kindergarten nicht grade am Richard-Wagner-Ring liegt.
Also, ich habe natürlich keine Einwände dagegen, als DER DEUTSCHE FACHMANN FÜR IRGENDWAS zu gelten. Trotzdem. Hallo? Kann sich mal irgendeiner dieser Leser melden? In diesem Blog passieren doch auch noch ganz andere Sachen. Würde mal jemand so nett sein, mir das zu erklären? Oder mich wenigstens in eine international besetzte Talkshow nachts um halb drei zum Thema "Kindergartennamen im Zeitalter der Globalisierung" einladen? Ich könnte die Sache dann gerne weiter vertiefen.
Möchte jemand ein Sonnensegel? (klick ins Bild)
05 Dezember 2006
No-Theater
Aber da war kein Haken. Das ist doch schön, wenn eine Sache mal keinen Haken hat, oder?
Bei dem No-Theater dachte ich also schon wieder ganz was anderes, etwa: No-Theater, No-Theater ... Operette vielleicht? So als Theater-Negation? Oder Ballett. Och nö, das ist bestimmt zu weit hergeholt. No-Theater, hm, ...zum Beispiel Fernsehen?
Aber dann die Erleuchtung: "Ach nein, jetzt weiß ich...! No-Theater, das ist die REALITÄT!"
01 Dezember 2006
Maurer (3)
Im Zeichen der Globalisierung droht ja jeder Arbeitgeber gerne damit, dass er den Arbeitsplatz ganz leicht nach China verlagern kann. Taiwan. Nordkorea. Jedenfalls überall hin, wo es billig ist.
Heute weiß ein Maurer nicht, dass Maurer früher ein Ausbildungsberuf war. Er weiß auch nicht, was ein Ausbildungsberuf ist, oder wozu. Heute nennt sich ein Bauhandwerker Maurer, weil sein Chef auch so zu ihm sagt und ihm eine echte Chance gibt, obwohl die Konkurrenz in China so groß ist. Dafür ist ein Maurer heute meist gutwillig und beklagt sich auch nicht, wenn er mal an einem Samstag dringende Arbeit fertigstellen soll.
Man nimmt also jemand möglichst ungelernten - der muss nicht notwendig aus dem Ausland kommen, er darf nur nichts kosten! Sicherheitshalber darf der Ungelernte vor allem keine Kenntnisse darüber haben, wie viel ein gelernter Facharbeiter verdienen würde.
Diesen Menschen schickt man auf die Baustelle, nennt ihn Maurer und gibt ihm die Aufgabe "Du! Wand da!" Möglichst lautstark. Falls das irgendwie schief geht, kommt man zu dem freiwilligen beiderseitigen Einverständnis: "Das zahlst du von deinem Lohn!" - schließlich hat er ja genug Kohle, sonst würde er diesen mies bezahlten Job doch niemals machen. Auf der nächsten Baustelle nennt man denselben Menschen Installateur und instruiert ihn vollkommen ausreichend mit "Du! Rohr da!" Wenn die Heizung dann nicht geht, ist er selbst schuld. Oder der Bauherr, oder der Architekt, die lauter so unnötig komplizierte Sachen haben wollen.
Aber AUF KEINEN FALL braucht der Bau in Deutschland Lohnnebenkosten. Oder Lohnnebenkosten. Oder völlig überqualifizierte Facharbeiter, deren Ausbildung viel zu lange dauert, und die nur Lohnnebenkosten produzieren. AUF GAR KEINEN FALL!!!
29 November 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (8)
ZOMBIES sind die... ach, das wisst Ihr ja schon...
"Vielen Dank für ihren Einsatz neulich. Haben sie das leuchtende Moos gesehen, Käpt'n?"
"Ja. Hübsch, nicht?"
"Wenn es hier Lebewesen gäbe, könnten die nachts bei diesem Licht lesen."
"Die Zombies zählen wohl nicht als Lebewesen, was?"
"Naja, doch, schon, irgendwie..."
"Nur weil sie ihre Erwartungen an ein Zentralnervensystem nicht so richtig erfüllen."
"Ja, ja, ist ja gut, sie haben ja recht. Ich habe das Moos untersucht: Es lädt sich tagsüber in der Sonne auf. Speichert die Energie und leuchtet dann nachts."
"Doch, ja, das gefällt mir gut."
"Fragt sich nur: Wozu? Dieses Leuchten erfüllt keinen biologischen Zweck. Überhaupt gar keinen. Das Moos könnte genausogut ohne Leuchten existieren."
"Naja, aber warum denn nicht?"
"Wahrscheinlich wieder einer dieser Irrtümer der Evolution, mit denen dieser Planet so reichlich gesegnet ist."
"Warum denn Irrtümer? Die Evolution ist halt nicht so zielstrebig. Nur schade, dass das für die Betroffenen manchmal ziemlich schmerzhaft ist. Die Evolution probiert was aus, sieht ein Weilchen zu und verwirft es wieder. Also, es verwirft sich selbst wieder, wenn es nicht funktioniert. Manchmal."
"Überzeugt mich nicht."
"Nicht?"
"Mir wäre lieber, das alles würde einem großen Plan folgen. Auf ein Ziel hin arbeiten."
"Ach, sie wollen doch nur was haben, woran sie glauben können!"
"Quatsch! Der Glaube ist abgeschafft! Aber es wäre doch ganz schön..."
"Tja. Und so müssen wir leider mit all diesem Abraum der Evolution leben: Nutzlos. Aber hübsch!"
28 November 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (7)
ZOMBIES sind die seltsamen Tiere auf einem Planeten namens FRANKENSTEINS ZOO
"Sagen sie, Doc, bevor sie den Zombie aus ... hm ... wissenschaftlichen Gründen zerlegt haben - haben sie ihn da gescannt?"
"Schon. Aber man kann ihn nicht wiederbeleben. Nur für den Falls dass sie... jedenfalls: Er war bereits tot und ich habe die Einzelteile gescannt. Der Rekonstruktor könnte nur einen toten Zombie wiederherstellen. In Einzelteilen. Komisch eigentlich, dass sich das Leben nicht scannen lässt."
"Na gut. Kann ich den Scan trotzdem haben?"
"Sicher. Bedienen sie sich."
...
"Hallo Käpt'n, was halten sie von einem Space-Campari? Oh ich störe gerade..."
"Sie? Ach nein... haha, sie... stören fast nie...!"
"Äh, Käpt'n - ist das, was ich zu sehen glaube, das, was ich sehe? Käpt'n? Das haben sie selbst gebaut, oder?"
"Was denn? Ach, das! Ach, das ist nichts... das ist ... gar nichts..."
"Käpt'n! Ich bin nicht religiös. Ich bin kein fanatischer Tierschützer. Ich esse sogar Fleisch - im Gegensatz zu ihnen! Ich habe nur wenig Ehrfurcht vor der Schöpfung und als Mediziner ist man sowieso ziemlich abgebrüht... aber ich frage mich, ob ich mir Sorgen machen muss, wenn ich sehe, dass sie mit den Teilen vom Zombie Tetris spielen!"
Maurer (2)
Die hohen Lohnnebenkosten machen den Standort Deutschland einfach kaputt. Arbeitsplätze müssen eben nach China verlagert werden, weil hier die Arbeit so teuer ist. Und so ist das im Grunde auch mit dem Bau von Häusern.
Ein Maurer wußte früher, dass man eine Schnur spannen kann. Eben nicht nur WIE, sondern vor allem schon DASS. Dieser schwerwiegende Kniff erleichtert einem beim Mauern so manches. Und er wusste wie man eine Wasserwaage bedient - wenn man Lust dazu hat. Aber das braucht man ja nur in dem Sonderfall, wenn eine Wand gerade werden soll, oder senkrecht.
Früher wusste ein Maurer aber auch im groben, was "Sicherheit auf der Baustelle" ist, und dass er Freitags um 13.00h Feierabend hat. Und dass Urlaub und Krankheitstage bezahlt werden.
Wahrscheinlich sind es gerade diese völlig unnötigen Spezialkenntnisse, die die Arbeitgeber dazu bewogen, auf derartig überqualifizierte Facharbeiter zu verzichten. Schließlich steigen doch mit dem Lohn auch die Nebenkosten - wer kann sich denn sowas heute noch leisten?
Früher musste man speziell mit den Maurern über Sinn und Wortlaut von Normen diskutieren und erreichte trotzdem oft nur, dass sie widerwillig eingehalten wurden. Solche Diskussionen bleiben einem heute gänzlich erspart.
Früher (also: zu meiner Zeit) wusste ein Maurer, was das Überbindemaß ist und hielt sich daran, sofern es seine persönlichen Umstände erlaubten. Gut, also, es wurde nicht immer so hunderprozentig eingehalten, aber im Großen und Ganzen. Heute muss man froh sein, wenn der Maurer das Wort "Überbindemaß" unfallfrei aussprechen kann. Dass er die geforderte Länge kennt oder auch nur weiß, wozu das gut ist, darf man nicht erwarten.
Es gibt zwei Steinformate heute: Die großen - und die ganz großen. Man kann sie alleine nicht hochheben, sondern braucht einen Kranführerschein, und man braucht auch spezielle Ausrüstung, um überhaupt den Mörtel aufzutragen, der heute gerne "KLEBER" heißt.
Ist ein Stein zu klein für die restliche Öffnung, wird mit Bauschaum aufgefüllt, ist er zu groß, wird er mit der Kettensäge angepasst. "Wenn der Bauschaum alle ist, kann man auch Silikon nehmen", sagt der Maurer von heute. Praktisch.
Zu meiner Zeit hätte sicher einer dieser vorlauten Maurer gefragt: "Brennt das denn nicht?" oder "Kann man da nicht durchkucken?" oder völlig aberwitzig: "Hält das überhaupt?" Heute stellen einem die Maurer so dumme Fragen gottseidank nicht mehr.
- für den Laien: Das sind deshalb dumme Fragen, weil Bauschaum selbstverständlich brennt, oder wenigstens schmilzt, und weil er Schallbrücken bildet und weil das ü-ber-haupt-nicht hält! Und man kann ihn in solchen Fällen auch nicht durch Silikon ersetzen. Das alles wird aber immer wieder versucht, weil Bauhandwerker gerne mit Silikon und Bauschaum herumspritzen Und weil Chefs froh sind, wenn sie ihre Ruhe haben.
17 November 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (6)
Männliche Bedürfnisse
"Doc! Kommen sie endlich! Wir haben einen Termin!"
"Ich komme ja schon..."
"Ziehen sie sich erstmal fertig an. Habe ich sie gestört? Sehen sie sich immer noch andauernd Pornos an?"
"Klar, sie nicht?"
"Nein."
"Männer sehen gerne nackte Frauen."
"Mag sein."
"In Pornos kommen oft nackte Frauen vor."
"Schon. Aber wir sind hier weiter von jeder nackten Frau entfernt als je ein Mensch zuvor. Sogar räumlich."
"Trotzdem!"
"Doc, sie wollen mich nicht verstehen, was? Karasek sagt: 'Was mich an Pornos stört ist die Distanz. Ich habe nichts davon, wenn ich Kaviar im Schaufenster sehe und mir vorstelle, dass ihn ein anderer isst'. ...und ich mag nicht mal Kaviar."
"Wer?"
15 November 2006
Chronik der Kürbiskriege (9)
Heute: Das Rad
Die Poclatchcoat'l waren wahrscheinlich hauptsächlich deshalb so niederträchtig, weil ihr Leben und ihre ganze Stammesgeschichte eine endlose Folge von Niederlagen war. Dies war unausweichlich und seit Generationen so. Einer guten Idee folgte jedes mal ein böser Reinfall. Die anderen Stämme hatten in ihrem Sprachgebrauch viele Sprichwörter über das sprichwörtliche Pech der Poclatchcoat'l.
Unter anderem hatte ein Poclatchcoat'l das Rad erfunden, Jahrhunderte vor den anderen. Aber er kam nicht weit. Buchstäblich.
"Bist Du bekloppt? Was soll DAS denn sein?"
"Na, ich habe einen Stein den Berg runterrollen sehen." In ihrer Gegend war es nichts besonderes, wenn ein Stein den Berg runter rollte, man musste ihm nur aus dem Weg gehen und darauf achten, dass man nicht getroffen wurde. "Und dann fand ich zufällig einen Stein mit einem Loch drin." Solche Steine lagen unten am Fluss zu Hunderten herum, eine Laune der Natur. "Und da habe ich einen geraden Stock hineingesteckt - das war lustig!"
"Ich hätte eher erwartet, dass du was anderes reinsteckst."
Aber der Erfinder ließ sich nicht beirren: "Und zufällig fand ich einen zweiten Stein mit einem Loch. Dann habe ich einen Ast auf den Stock gelegt und das da kam dabei heraus. DAS IST PRAKTISCH!"
"Aha."
"Ja! Ist es!"
"Aha. Ich glaube eher, das ist praktisch unbrauchbar, wie deine ganzen anderen Sachen..."
"Nein! Wir müssen all die schweren Sachen nicht mehr tragen - das Ding macht das für uns!"
"Aha. Welche schweren Sachen denn? ICH trage nie Sachen, die ich nicht tragen kann."
"Na, was eben immer zu schwer ist. Tote Tiere. Bausteine für den Pueblo. Bäume. Das spart enorm Zeit!"
"Warum zur Hölle willst du ZEIT sparen? Wir haben doch genug davon. Die vergeht sowieso schon langsam genug."
"Aber unser Leben würde leichter!"
"Jaja, ganz sicher. Leichter."
"Ja! Wohl!"
"Aha. Und wo willst du das Ding ... benutzen?" Sie hatten noch kein Wort für Fahren - es gab ja noch nichts, das fuhr.
"Naja, äh..."
"Genau, du hast mal wieder gerade so von deinem Haus bis zur Stalltür gedacht!"
"Naja..."
"Mit diesem Ding kommst du genau NIRGENDWO durch!" Da hatte er recht. Ihre Wege waren gerade so breit, dass zwei Füße nebeneinander passten. "Und über Bruder Baum hebst du die SCHWEREN SACHEN jedesmal drüber, ja?" Alle paar hundert Schritte lag ein umgestürzter Baum auf dem Weg - so lange ihn noch niemand verheizt hatte.
"Naja, aber dazwischen..."
"Na, dich möchte ich sehen, wenn du das Ding mit den SCHWEREN SACHEN drauf den Berg hochzerrst." Er betonte die 'schweren Sachen' immer besonders affektiert. "Da möchte ich mal sehen, wie viel leichter dein Leben wird."
In der Tat war ihre Gegend in weitem Umkreis sehr bergig. Da hatte VRTLVRSBN¹ durchaus recht. Und damit war wieder eine gute Idee für die nächsten Jahrhunderte gestorben.
¹ V'rtlvrs'bn Poclatch trägt noch einen der alten Namen, aus der Zeit vor der Erfindung der Vokale. Die Vokale allerdings hatte ein anderer Stamm erfunden - sonst hätte sich ihr Gebrauch wahrscheinlich nie durchgesetzt.
Hosen
Eben habe ich es gesehen und seit heute weiß ich: Noch weit unterhalb, im schlimmsten Winkel der Hölle, in einer Fachabteilung für Qual und Folter an sehenden Menschen, wurden umgeschlagene Hosen erfunden, deren Umschlag mit der Oberkante der Stiefel bündig abschließt.
13 November 2006
Maurer 1.1
11 November 2006
Die sächsische Justiz...
Heute: Opferverhöhnung
Man fasst es nicht! Andererseits ist das mal was neues...
...die Geschichte kennen jetzt alle: Das kleine Mädchen wurde entführt, vergewaltigt und wochenlang mit dem Tode bedroht. Sie konnte sich befreien und der Täter sitzt in Haft - dachte man.
Dann stellt sich heraus, dass sie Wochen früher hätte befreit werden können, wenn Polizei und Justiz ihre Arbeit ordentlich gemacht hätten. Haben sie leider nicht, aber Pannen können auch bei wichtigen Tätigkeiten passieren.
So weit.
Im Gericht macht sich der Täter wichtig und sein Anwalt verlangt den Ausschluss der Öffentlichkeit "...zum Schutz der Persönlichkeitsrechte des Täters"¹. Das ist ein sehr eigenwilliges Rechtsverständnis. Schließlich soll sich der Täter eben im Angesicht der Öffentlichkeit verantworten. Aber der Verteidiger ist eben Anwalt - und wir sind in Sachsen. So weit verständlich.
Dann schafft es der Täter, der bisher gerade mutig genug war, kleine Mädchen zu verängstigen und zu vergewaltigen, beim Hofgang der Aufsicht wegzulaufen und auf ein Dach zu klettern. Na gut, auch solche Dinge passieren, als Berliner ist man das gewohnt: Hier hat die Justiz alle vier Wochen ihren Tag der offenen Tür.
Aber dann steht der Täter stundenlang auf dem Dach, und ein Hubschrauber kommt, ganz so wie er es dem Mädchen vorher angedroht hatte. Der Hubschrauber ist zwar von der Polizei - aber was er überhaupt da soll, an einem Dach, das mit Leitern, Kränen und Hebebühnen gut erreichbar ist², fragt man sich schon.
Und es ist kalt und windig und der Täter steht stundenlang auf dem Dach, und irgendwelche Leute, wahrscheinlich Polizisten oder Psychologen, reden auf ihn ein. Und eigentlich müsste man nur warten, bis der Mann friert und von selbst wieder runter kommt, er ist ja feige.
Aber statt ihn ordentlich nasszuspritzen - was gegenüber Demonstranten völlig üblich ist - und ihm dann zuzurufen "Spring und brich dir die Beine!" reicht man ihm lieber eine Decke und warme Getränke. Fürsorge für einen Täter. Die Krönung der Geschehens ist aber, dass am nächsten Tag vom Richter die Verhandlung abgesagt wird, weil der Täter sich doch ein wenig verkühlt haben könnte und deshalb leider nicht verhandlungsfähig ist.
Was sagt uns das? In einer Demokratie soll ja auch ein Täter eine faire Chance haben und rechtsstaatlich behandelt werden, allein der Impuls von Abscheu im Publikum darf nicht das Strafmaß diktieren. Die Vergangenheit und persönlichen Umstände auch eines Gewalttäters sind zu berücksichtigen: Er ist eben teilweise das Produkt einer Gesellschaft. Diese fragt sich, ob sie früher Fehler im Umgang mit der Person des Täters gemacht hat - dafür muss er sich vor dieser Gesellschaft für sein Fehlverhalten verantworten. Das bedeutet unter anderem: Er muss sich überhaupt für sein Fehlverhalten verantworten können, also, er darf beispielsweise nicht "auf der Flucht erschossen" werden, oder gefoltert.
Aber die Fürsorge der sächsischen Behörden und der Justiz wirkt wie eine Verhöhnung des Opfers. Man fragt sich, ob hier nicht nur der Beweis geführt werden soll, wie falsch und überflüssig der geregelte Umgang mit Kriminellen ist. Eine destruktive Taktik, mit der STASI-Erben die Nutzlosigkeit von Demokratie und Rechtsstaat überzeugend demonstrieren? Wenn man den Bericht der Ereignisse liest, kann man zu diesem Eindruck kommen.
¹ der Tatbestand der "groben Unfugs" wird wohl auf Anwälte nicht angewendet, oder? Wahrscheinlich wegen Aussichtslosigkeit.
² Neun Meter hoch, ist später der Presse zu entnehmen: Das ist wirklich keine letale Höhe.
³ Nun bin ich kein Jurist, aber sicher gibt es einen Rechtsgrundsatz dafür: "Die mutwillige Verschlechterung der eigenen Lage darf keine Vorteile für einen Täter nach sich ziehen" oder so. Wenn die Justiz so etwas zulässt, macht sie sich erpressbar. Der Täter soll ruhig mit den selbst verschlechterten Verhältnissen klarkommen - von einem Kind erwartet man das doch auch.
Und selbst dagegen, dass er sich umbringen darf, sprechen eigentlich nur zwei Argumente: Einerseits die Genugtuung seines Opfers. Doch, das ist ein Grund! Und andererseits der Rechtsstaat, der niemals in Versuchung kommen darf, Menschen in den Selbstmord zu treiben - und seien sie noch so schuldig.
Aber ein paar gebrochene Beine oder eine Lungenentzündung aus eigener Dummheit: Na und?
Maurer
Es sind ja die Lohnnebenkosten, die den Standort Deutschland kaputt machen. Müssten wir doch alle längst wissen, sagen uns die Unternehmer doch immer wieder!
Auch heute arbeiten auf der Baustelle Leute, die von ihrem Chef als "Maurer" angekündigt werden.
Zu meiner Zeit, die noch nicht so lange her ist, naja, doch, inzwischen über 20 Jahre, war der Maurer ein Mensch von zweifelhaftem Ruf und geringem Ansehen. Wie die meisten Menschen damals hatte er einen einfachen Schulabschluss und danach eine dreijährige Ausbildung absolviert. Er verdiente Geld mit seiner Hände Arbeit und wurde von denen, die den ganzen Tag im Büro sitzen konnten, mit Herablassung betrachtet. Zu meiner Zeit war das dem Maurer aber ziemlich egal.
Zu meiner Zeit wusste ein Maurer, dass es verschiedene Mörtelgruppen gibt und er konnte einem genau erklären, warum man für eine Innenwand anderen Mörtel verwendet als für einen Schornsteinkopf. Heute kann so mancher Maurer Mörtel mischen, wenn man ihm die Trockenzutaten und die Flüssigkeit in in den erforderlichen Mengenverhältnissen bereitstellt. Das bedeutet nicht, dass er deshalb zwingend auch etwas über die Verarbeitung wissen müsste. Besser, man fragt ihn nicht.
Zu meiner Zeit nannte ein Maurer die Anordnung der Steine in der Wand "Verband" und er konnte sieben verschiedene Verbände aufzählen, je nach der geforderten Wand. Drei Verbände konnte er blind mauern, die anderen mit Sehen. Heute denkt ein Maurer beim Wort Verband zuerst an Fußball und dann an Krankenhaus. Wobei das ja oft gar nicht so weit auseinander liegt, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls gilt inzwischen: Wenn da nur hoch genug Steine übereinander liegen, genügt das, um das entstandene Werk "WAND" zu nennen.
Zu meiner Zeit konnte ein Maurer vier verschiedene Verzahnungen mauern, wenn man ihm die Wand nur ordentlich am Boden anzeichnete. Heute erkennt fast jeder zweite Maurer eine Verzahnung, wenn man ihm eine zeigt.
Jaja.
Erkenntnisgewinn 2
Erkenntnisgewinn
Früher war ein Rohling ein grobschlächtiger Kerl mit mangelndem Feingefühl.
Heute ist ein Rohling eine silberne Scheibe mit wenig Profil.
02 November 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (5)
Dass man etwas nicht erwartet
heißt leider nicht immer
dass es das nicht gibt.
"Herrjeh, Doc, was machen sie denn hier draußen? War gar nicht so einfach, sie hier zu finden. Geht es ihnen nicht gut?"
"Ach, hören sie bloß auf! Schließen sie mir den E-Dolator an und dann geben sie mir das Schmerzmittel und dann ab nach Hause."
"Naja, ich hatte ja auch mal Erste -Hilfe-Kurse, aber mir wäre lieber, wenn sie mich unterstützen."
"Ja, mein Gott! Zuerst den E-Dolator, dann sehen wir weiter."
"Ohje, ist das ein Knochen, was da aus ihrem Oberschenkel ragt? Tut das nicht weh?"
"NATÜRLICH TUT DAS WEH!
SIE SOLLEN DAS GERÄT ANSCHLIESSEN!
DANN SIND WENIGSTENS DIE SCHLIMMSTEN SCHMERZEN ETWAS WENIGER!"
"Ja, gut, Verzeihung..."
"Ah, schon besser... aber ich kann nicht so richtig reden, die Lunge hat auch was abbekommen, fürchte ich."
"Wie ist es denn mit Aufstehen?"
"Sind sie wahnsinnig? Wenn ich auch nur ein paar Zentimeter kriechen könnte hätte ich nicht um Hilfe gefunkt. Ich würde wirklich lieber ohne ihr medizinisches Talent auskommen!"
"Na, danke..."
"Ja, Entschuldigung. Also: Es geht mir nicht sehr gut. Wenn das Schmerzmittel endlich wirkt, können sie mich aufladen und mitnehmen. Was ist das überhaupt für ein Gerät da? Haben sie das hier gefunden?"
"Keineswegs, das ist unser Ventikopter, den haben wir mitgebracht."
"Was für'n Ding?"
"Ventikopter, weil er so aussieht, als wären da drei Ventilatoren aneinander geschraubt. Fliegt aber prima und ist als flexibler Kran gedacht. Den anderen kleinen Hubschrauber sollen wir für Krankentransporte nicht nehmen, der vibriert zu stark."
"Und warum haben sie mir nicht früher gesagt, dass wir sowas dabei haben? Ich laufe mir auf den Expeditionen die Füße platt..."
"... ich kann ihnen doch nicht alles aufzählen, was so im Keller vom Raumschiff steht, da werde ich ja nie fertig. Außerdem ist Laufen gesund."
"Ich hasse sie!"
"Ja, das sagen alle."
"Wenn wir im Schiff sind, schieben sie mich in den Mediconstruktor und lassen die Auto-Wiederherstellung laufen, dann bin ich bald wieder ganz."
"Soll ich sie nicht lieber aus einer Sicherungskopie vollständig wieder herstellen? Vielleicht hat ja auch der Kopf was abbekommen..."
"NEIN! Auf keinen Fall! Das letzte Backup von mir ist ein Jahr alt. Inzwischen habe ich im Telekolleg zwei sterbenslangweilige Fortbildungen gemacht. Wenn sie mich aus dem Backup wiederherstellen sind die Zertifikate futsch! Außerdem müsste ich ihre ganzen Memos über diesen Planeten nochmal lesen. Und die vom Ingenieur. Und vielleicht sogar meine eigenen."
"Naja, das ist immerhin ein Grund. Wie lange dauert das eigentlich, bis das Schmerzmitel wirkt?"
"Das dauert eine Weile, dafür ist ja der E-Dolator."
"Und was ist mit ihnen passiert? Sie sind anscheinend nicht überfallen worden und liegen hier am Ufer dieses wunderbaren Sees, im weichen Moos, im Schatten eines uralten riesigen Baumes, Knochensplitter kucken aus dem Bein...
So eine Szene könnte aus einem Kitschroman stammen, bis auf die verrenkte Figur mit den zersplitterten Knochen am Boden."
"Ich war baden. Ich war einfach nur baden! Das hier erinnerte mich an meine Jugend. Alle Kinder aus meinem Dorf haben im Fluss gebadet und sind von der Brücke oder vom Baum ins Wasser gesprungen. Und wir haben immer darauf geachtet, dass das Wasser tief genug ist, das hatten uns unsere Eltern eingeschärft. Es ist nie etwas dabei passiert!"
"Soso..."
"Genau, ich habe mich daran erinnert, und der Fleck hier war ganz ähnlich. Und beim Sprung vom Baum habe ich irgendwie... irgendwie... habe ich... den See... verfehlt. Ich weiß es auch nicht! Ein kilometergroßer See, ein riesiger Baum mit riesigen Ästen - und ich treffe beim Runterspringen das Wasser nicht!
...ich glaube, ich werde alt."
"Na immerhin: Auf den Baum raufgekommen sind sie ja irgendwie."
"Ja, das war einfacher als ich dachte! Und wo ich nun schon mal oben war, wollte ich von dort ins Wasser springen, wie in meiner Jugend. Und dann habe ich das Wasser... verfehlt... es ist zum Heulen. Ist das so, wenn man alt wird?"
"Oh, das: Da brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Aber sie müssen meine Memos nicht nur lesen - sondern auch versuchen sie zu verstehen."
"Jetzt geht das wieder los! Ich bin krank! Nehmen sie doch Rücksicht auf einen Kranken! Wirkt denn dieses verdammte Schmerzmittel nicht bald?"
"Oh, sie haben gar nicht so viel falsch gemacht. Auf der Erde hätten sie das Wasser bestimmt getroffen. Nehme ich mal an. Aber wir sind ja nicht auf der Erde."
"Wieso? Was ist hier anders?"
"Naja, es gibt auf FRANKENSTEINS ZOO ja dieses Phänomen, dass die Monde manchmal die Schwerkraft aufheben."
"Ich erinnere mich."
"Das tun sie natürlich nur an der Stelle des Planeten, die ihnen zugewandt ist, wenn sie in einer Reihe stehen."
"Und weiter?"
"Aber der Planet hat ja noch andere Stellen..."
"Ha ha. Ich lache vielleicht, wenn ich wieder gesund bin. Und dann bring ich sie um!"
"Na gut, in Kurzform: Auf der gegenüberliegenden Seite des Planeten ist in genau diesem Moment die Schwerkraft natürlich doppelt so groß. Und dazwischen... dazwischen wird es ganz interessant."
"Käpt'n, bitte!"
"Wenn man in der Mitte dazwischen etwas fallen lässt, fällt es nicht etwa senkrecht, sondern im 45-Grad-Winkel zur Oberfläche. Nicht nur senkrecht nach unten, sondern genausoschnell zur Seite.
Die Schwerkraft besteht zu diesem Zeitpunkt aus zwei Komponenten. Die eine ist die Gravitation des Planeten und wirkt senkrecht zur Oberfläche, und die andere die Gravitation der beiden Monde - hier wo wir uns gerade aufhalten zieht die Mond-Gravitation dann etwa parallel zur Oberfläche des Planeten. Näherungsweise. Die Summe aus beiden Kräften ist zuweilen eine überaus schiefe Schwerkraft. Lustig, nicht?
Natürlich nur vorübergehend, nicht sehr lange, der Planet dreht sich ja weiter. Aber ausgerechnet in diesem Moment müssen sie vom Baum springen! Kein Wunder, dass sie den riesigen See nicht getroffen haben. Der Baum konnte ihnen ja anscheinend nicht hoch genug sein! Zum Glück war da wenigstens dieses Moospolster... ... ... Doc! Doc? Mist! Jetzt hat das Schmerzmittel doch schneller gewirkt. Muss ich ihnen den ganzen Käse später nochmal erzählen?"
Koranische Verse (III)
Vorhin im Bus, Nähe Crellemarkt, zwei Jungs unterhalten sich normal laut. Der eine fünfzehn, der andere vielleicht siebzehn.
Der ältere: "Hast du gefastet, alter?"
Der jüngere gibt den Klugscheißer: "Nee du, isch bin krank, alter, isch bin erkältet."
"Na, und?" der Ältere wieder.
Und der jüngere ganz wichtig: "Na, du darfst nisch runterschlucken, den Rotz, dann is vorbei!"
Und der große: "Wieso das denn?"
"Na, du darfst nisch absischtlisch schlucken, den Rotz. Wenn du so machst [schsch-schnoo-ooor-rrch] (Staubsaugergeräusche, mit ganzen Brocken) wenn du absischtlisch runterschluckst, dann is vorbei, mann!"
Das war seine Antwort.
"Echt krass alter, deswegen hast du nicht gefastet?"
"Nee, alter, wenn du runterschluckst is vorbei!"
So viel dazu. Ich musste die ganze Zeit mithören. Es schüttelte mich und endlich kam meine Haltestelle. Angewidert, aber belustigt, verließ ich den Bus. Mal abgesehen davon, dass der jüngere die Frage nicht sehr befriedigend beantwortet hat, grübelte ich den ganzen restlichen Heimweg: Na, ob der Prophet das wirklich so gemeint hat?
Sprachbetrachtung
Bepfandet.
Besonders gut gefallen mir Einträge, deren Überschrift größer ist als der Inhalt. Oder fällt das schon unter das Stichwort "Politik"?
27 Oktober 2006
Gedichte über schlimme Gerüche (0,2)
manchmal kann man ja durchaus auch
seinen eigenen beobachtungen trauen
so manch schlimme gerüche
so dass ich schon beim denken dran
das bild allein verfl~che
die vorstellung wie widerlich es riecht
wenn dieser hammer diese feile
zu lang offen liegt.
ein penetranter ton von eisen
hängt dann in der luft
sofort ruft einer nein! das ist doch stahl!
man will ihn ebenfalls verfluchen diesen depp
den besserwisser diese nervensäge
aber man sagt sich scheiß drauf! ...ist ja auch egal...
dieser geruch von penetrantem eisen.
Funktelefonie
...ist so meine Standardeinstellung zum Umgang mit der modernen Welt und der überaus wichtigen Funktelefonie. Ich sage das zwar reflexhaft, jedoch mit bewusst hineingestreuter Ironie. Ja!
Tatsächlich ist es aber schon einige Male vorgekommen, dass mich just an der Kasse ein Anruf ereilte. Ich sehe dann kurz nach, wer da anruft und wende mich wieder den Vorgängen direkt vor meiner Nase zu, mit dem eingangs erwähnten Satz, zu der Kassiererin (sind oft Frauen) gewandt:
"Ich hab das Handy ja nur, damit man mich im Supermarkt an der Kasse anrufen kann."
Das sorgt dann manchmal für eine lockere Atmosphäre und eine angenehme Stimmung in diesem trüben Laden.
Kürzlich erst anwortete aber eine Kassiererin dankbar:
"Na, SIE hören wenigstens auf zu telefonieren..."
Konnte ich nicht glauben und musste nochmal nachfragen:
"Wieso? Gibt's sowas auch, dass einer telefoniert, während der hier bezahlt?"
Und sie versicherte mir hoch und heilig:
"Sie glooben ja nich wie oft dit vorkommt!"
Stimmt, konnte ich wirklich nicht glauben.
Vorhin stehe ich im Supermarkt an der Kasse und erzähle meiner Einkaufsbegleitung genau diese Geschichte, unter Anwendung der eingangs detonierten Poente¹. Kaum habe ich es erwähnt, beginnt vor mir in der Schlange einer zu telefonieren. Er ist als übernächster dran, es wäre also mehr als genug Zeit für sowas wie "Sorry, ich bin jetzt gleich dran. Ich ruf Dich zurück, oder melde dich doch in drei Minuten nochmal!" Aber der dort vorne hört nicht auf.
Eigentlich wirkt der auf mich gar nicht so schwindelerregend erfolgreich, Mitte dreißig, Sportanorak ², mittelbillige Schuhe, nix Besonderes an dem Typen das auf außergewöhnliche Wichtigkeit hindeuten würde. Aber das ist eben äußerlich. Jedenfalls telefoniert er weiter und ich denke: "Irgendwann muss er doch mal aufören, gleich ist er doch dran?" Aber der presst munter weiter das Telefon gegen sein Ohr und horcht aufmerksam hinein und antwortet brav und plaudert Belanglosigkeiten, "haha, ja ja, genau!" Einen Freisprechrüssel hat er selbstverständlich nicht, also auch nur eine Hand frei.
Die Kassiererin nimmt die Sache gelassen und schiebt seine Sachen über den Scanner. Am Ende sagt sie einen Preis, und weil sie das Drama anscheinend schon kennt deutet sie nochmal mit dem Finger auf die Anzeige der Kasse - sie will den Telefonisten ja nicht bei seiner wichtigen Tätigkeit stören. Der kriegt mit einer Hand irgendwann doch noch das Portemonnaie aus dem Sportanorak gefummelt, macht es mit einer Hand auf und wirft irgendwelches Geld auf den Tresen. Steckt das Wechselgeld in die Tasche und will die Sachen mit einer Hand einsacken. Jetzt ist aber sein Gespräch überraschend doch zu Ende gegangen und er kann sogar beide Hände benutzen, "genau, ja ja, bis dann, ha ha."
Dabei sehe ich, dass der Typ nur Bioprodukte gekauft hat. Ich wünsche ihm eine lange, anstrengende und erfolglose Existenz und denke mir so:
"...kauft Bioprodukte für ein möglichst gesundes Leben - aber hat nicht mal die Grundzüge sozialen Zusammenlebens verstanden. Wofür will der Typ überhaupt alt werden?"
Aber vielleicht erscheint das ja auch nur mir als Widerspruch.
¹ das ist das ironische an dieser Poente: Dass sie immer am Anfang kommt, und danach eine ellenlange Geschichte, und dann gar nichts mehr.
² Na, was habt ihr da zuerst gelesen? Etwa Sportanorak? Schönes Wort, nicht?
26 Oktober 2006
Die längste Hochzeit meines Lebens
Man will ja nicht allein sein beim Heiraten und lädt schon Monate vorher alle möglichen Freunde und Verwandten ein, sogar Kollegen. Unter all denen sind immer ein paar, vor denen man sich bestimmt keine Blöße geben will, Schwiegereltern zum Beispiel. Und gerade die mit einem massiven Gasangriff zu ärgern, im Aufzug etwa, oder im Auto, so abgebrüht bin ich nicht.
"Pfffffrrrrttt - haha! Oh, sorry, ihr wisst doch, meine Blähungen! Haha!"
Nee, nee, das kann ich nicht. Ich zog es vor, still vor mich hin zu leiden.
Jedenfalls ist man am Tag seiner Hochzeit andauernd von Leuten umgeben, ständig kommt einer an und will was, Fotos, Gratulieren, Hochzeitslimousine, uuuuu-nheimlich originelle Geschenke, und man hat keine Gelegenheit, unauffällig einen ziehen zu lassen. Da staut sich ziemlich Druck auf, und so ein Künstler bin ich jetzt auch nicht, dass ich die Lautstärke nach Belieben kontrollieren könnte oder vielleicht ein Volkslied furzen.
Das fing schon im Standesamt an. Nein, eigentlich kurz nach dem Aufstehen: Wir hatten Gäste zu Hause, ich bin morgens als erster ins Bad - und das war's dann. Ab da waren wir keine paar Sekunden mehr allein. In meinem Gedärm baute sich sozialer Gasdruck auf.
Weil es leicht nieselte fuhr die Limousine in die Vorfahrt unten im Standesamt. Wieso hat dieses Standesamt eigentlich eine geschlossene Vorfahrt? Heiraten da oft Terroristen? Oder eher regelmäßig Politiker mit Terroristen-Paranoia?
Ins Standesamt fuhren wir schon eine Stunde vor dem Akt - wegen der anderen Gäste, die immer notorisch zu früh kommen. Einige Kollegen waren trotzdem noch vor uns da. So hatten sie eine Ausrede, um nicht arbeiten zu müssen. Nur ich hatte keine Ausrede. Ich musste alles tun, was mir geheißen wurde.
"Paul, komm doch mal!", "Paul, stellt euch mal da hin, für das Foto!", "Paul, lass dich mal drücken!"
Drinnen war es noch schwieriger und ich hatte keine Zeit, auf dem Klo zu verschwinden. Dafür wuchs die Menschenmenge um uns herum. Keine Chance.
Die Rede des Standesbeamten zog sich endlos in die Länge. Er hatte diese grausige unnatürliche Standesbeamten-Standardintonation die sie alle in derselben erbärmlichen Standesbeamten-Rethorikschule zu lernen scheinen und die wohl bedeutungsvoll wirken soll. Zu sagen hatte er eigentlich nichts. Und es zog sich in die Länge. Vor meinem geistigen Auge welkten die Blumen und es wurde Winter.
Nach der endlosen Rede Unterschrift Karin, Foto Karin, Unterschrift Paul, Foto Paul, Unterschrift Karins Zeuge, Foto Karins Zeuge, Unterschrift Pauls Zeugin, Foto Pauls Zeugin, Glückwunsch Standesbeamter, Foto Standesbeamter, Foto Brautpaar, Foto Brautpaar küssend, Foto Brautpaar mit Standesbeamtem, Foto Brautpaar mit Zeugen, Foto Brautpaar mit Zeugen und Standesbeamtem. Dann wieder tausend Leute zum Gratulieren und keine Gelegenheit. Dann Hochzeitsspiele. Sie ließen mich nicht mal zum Klo und die Limousine wartete schon wieder auf Brautpaar, Zeugen, Eltern.
Wir hatten es so organisiert, dass es gleich danch zur Kirche weiter ging. Hätte ich das vorher geahnt - ich hätte nie geheiratet! Oder bei einem Naturvolk, im Freien, wo Furzen als Zustimmung gilt - man soll JA! sagen, oder kann lautstark einen fahren lassen.
In deutschen Kirchen gilt das leider nicht. Dort kam der erste schaurige Höhepunkt. Der Pfarrer predigte gnadenlos. Gnadenlos! Es wurde gesungen. Gebetet. Aufstehen. Dem Herrn danken. Setzen. Beten. Dazwischen Stille. In der riesigen halligen Kirche konnte ich unmöglich... obwohl, vielleicht hätte das ein schönes Echo...? Naja.
Aber der Pfarrer kannte kein Erbarmen. Inzwischen hatte sich gewaltiger Druck aufgestaut. Ich musste mich so sehr konzentrieren, dass ich beinahe die entscheidende Stelle verpasst hätte:
"Willst Du, Paul..."
Der Pfarrer atmete bereits lautstark ein, um mich nochmal zu fragen. Wie peinlich! Karin rutschte unruhig hin und her.
"Ja... ...? Äh: JA! Ja, ja!"
Ich glaube, es klang nicht sehr überzeugend. Und dann nochmal das volle Programm: Hinsetzen, Aufstehen, Beten, Singen, dem Herrn danken. Ich wäre jetzt schon beinah geplatzt.
Aber draußen regnete es und die Limousine wartete. Und vorher in der Kirche noch ein paar Gäste knuddeln, die dringend wieder weg mussten oder gerade angekommen waren oder unbedingt gratulieren wollten. Dann schnell mit den Schwiegereltern ab in die Limousine und zur Feier, in ein Hotel. Dort hatten sie schon wieder eine Vorfahrt und die Gäste warteten bereits. Wir waren seit dem Aufstehen keine Sekunde allein - und ich hatte furchtbare Blähungen.
Das ging so noch mindestens eine Stunde: Der Walzer. Die Hochzeitstorte. Gratulierende Gäste. Geschenke. Rede vom Brautvater. Bonmots der Bräutigamsmutter. Spiele spielen. Geschenke.
Irgendwann stand ich endlich alleine, an der Seite auf der Bühne, vor dem nächsten Akt und dachte "SO, JETZT!!! Jetzt merkt's keiner!"
Zwei haben es aber gemerkt. Einer war nämlich unauffällig hinter mich geschlichen, ein Typ mit Zigarette. Zufällig mein Chef. Und ich.
Es gab eine gewaltige Stichflamme - auf der Bühne, vor den Augen aller Gäste. Mein Chef verbrannte sich die ganze Hand. Also: Das wird schon wieder, aber erstmal war sie verbrannt. Genau wie meine Hose: Die fing Feuer und sengte mir den Hintern ordentlich an. Ich brauchte eine neue Hose und verbrachte den restlichen Abend im Stehen. Aber für Unterhaltung war gesorgt - das war meine Showeinlage.
18 Oktober 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (4)
These: Es gibt eine Sehnsucht nach Kultur. Die Frage ist: Wozu?
"Doc, was tun sie da?"
"Oh, ich... äh... nichts."
"Sie lesen den Zombies Gedichte vor! Tun sie doch, oder?"
"Ich, äh... naja..."
"Ich fasse es nicht!"
"Naja, ich wollte wissen, ob ihr Nervensystem auf Gedichte anders als..."
"Doc! Das ist doch nicht zu fassen! Nur weil keine Frau ihre Gedichte hören will, piesacken sie die armen Zombies damit?"
"Naja, ich..."
"Zu Hause glaubt mir das keiner: Hier sitzt einer auf der Terrasse vom Raumschiff und liest der durchgedrehten Wildnis Gedichte vor!"
"Also, so ist das nun auch wieder..."
"Ich fahre alleine nach Hause! Gleich morgen packe ich meine Sachen und fahre alleine nach Hause! Ich halt's nicht aus! Frankensteins Zoo - wirklich!"
"Aber Käpt'n, dann sitzen sie wieder zwei Jahre alleine in der Blechdose bis..."
"Trotzdem! Besser als Zombies und Gedichte! Ich will heim!"
16 Oktober 2006
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (3)
Wer sagt denn, dass Raumfahrern nicht auch mal langweilig wird?
"Jammern sie nicht so rum Käpt'n, so schlimm ist das gar nicht."
"Sie haben gut reden!"
"Obwohl sie mich ganz schön erschreckt haben, als sie da vorhin mit ihrem schwarzen Gesicht angetorkelt kamen. Total schwarz. Nur die Augen weiß - eigentlich sah das sehr lustig aus. Ich muss unbedingt nachsehen, ob eine der automatischen Kameras ein gutes Bild davon aufgenommen hat..."
"Wehe! Und hören sie endlich auf so dämlich zu lachen!"
"Ich wüsste nicht, wieso - ich hatte sie schließlich gewarnt. Das stand alles in meinem Dossier."
"Und wieder auf Seite 30, was?"
"Nein, weiter hinten. Es war kein ACHTUNG!-Kapitel. Ich konnte mir nicht vorstellen..."
"... dass jemand so phantasievoll sein könnte. Sagen sie's ruhig! Hacken sie nur auf mir rum!"
"Ich wollte eigentlich den Terminus 'dämlich' benutzen, das schien mir passender. Also: Dass jemand so dämlich sein würde, konnte ich mir nicht vorstellen."
"Mir war langweilig, da fallen einem solche Sachen ein."
"Was glauben sie wohl, warum die Pflanzenballons schweben?"
"...mir doch egal. Keine Ahnung! Vielleicht ein Antigravitations-Gen!"
"Ha. Ha. Wie originell."
"Na und? Hier auf FRANKENSTEINS ZOO kann man ja leicht auf so originelle Ideen kommen."
"Genau: Nein. Die richtige Antwort ist: NEIN. Das naheliegendste ist doch: Weil die Ballons mit leichtem Gas gefüllt sind."
"...wüsste jetzt nicht, wieso das naheliegend sein soll..."
"Die Ballons schweben, weil sie leichter als Luft sind. Steht alles im Dossier!"
"Die sind überhaupt nicht leichter als Luft! Das tat ganz schön weh, als ich die Teile abbekommen habe! Aua! Seien sie gefälligst vorsichtig!"
"Käpt'n, sie sind doch auch Naturwissenschaftler, oder? Sind sie doch? ... ach, vergessen sie's ... also: Die Pflanze produziert Wasserstoff. Der sammelt sich in dem Ballon und deshalb steigt er auf. Und das nennt man im Flugwesen 'leichter als Luft'"
"Grade deshalb hätte das nicht so heftig explodieren sollen!"
"Blödsinn. Es ist explodiert, weil sie unbedingt ihre Zigarette da ran halten mussten."
"Normalerweise brennt Wasserstoff nur ab und explodiert nicht gleich."
"Sie haben vorher auch noch darüber nachgedacht?"
"Wer? Ich? Äh, nein..."
"Aber die Chance, dass auch Luft in dem Ballon ist und dass das ein prima Knallgas ergibt, war bekannt. Stand alles in meinem Dossier..."
"Sie sind ein widerlicher Rechthaber!"
"Sie hätten ja für den Anfang wenigstens einen kleinen Ballon nehmen können. Wie groß war der denn?"
"Na, so acht Meter Durchmesser wird der schon gehabt haben."
"Wie haben sie den überhaupt runter gekriegt?"
"War gar nicht so einfach! Ich hab an der Liane gezerrt, die ihn hält. Ich musste mich ganz schön anstrengen..."
"... nur um eine Zigarette da ran zu halten und dann fünf Meter weit zu fliegen?!?"
"Mir war langweilig. Da macht man manchmal solche Sachen."
"Bald hab ich sie wieder hergestellt. Soll ich ihnen so einen Ballon auf den Hintern tätowieren, so als Andenken?"
"Sie mit ihren blöden Witzen!"
"... oder lieber auf den Bauch?"
"Ja, ja, schon gut!"
"Ich bin ja auf das Gewitter gespannt, das heute abend kommen soll: Wenn der Blitz in so eine Gruppe von Ballonen einschlägt - ob es dann eine Kettenreaktion gibt?"
"Oh, das können wir auch so rausfinden, warten sie einen Moment."
"Nein! Nicht! Hätte ich bloß nichts gesagt! Käpt'n! Nein! Halt! Finger weg von der Laserkanone! Aaaaaaaah...!"
Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (2)
Zum Verständnis: In Raumschiffen benutzen sie dereinst Tee-to-go-Becher, oben geschlossen. Wahrscheinlich heute schon.
"Käpt'n, was macht unser Bagger da draußen?"
"Er dreht Anker ein."
"Das sehe ich. Ich meinte: WARUM dreht er Anker ein? Unsere Raumschleuder wiegt zwölftausend Tonnen und..."
"...zwölftausendvierhundert..."
"... also gut: Unser Schiff wiegt zwölftausendvierhundert Tonnen und unser Anti-Grav-Generator ist kaputt seit sie... also, er ist kaputt und die Schwerkraft ist genauso groß wie auf der Erde - wozu die Anker?"
"Ja schon... aber die Schwerkraft hier ist nicht halb so zuverlässig wie auf der Erde. Und sie müssen ja UN-BE-DINGT wieder auf unserem kleinen Unfall von neulich herumreiten, nur weil ich..."
"Ach, vergessen sie's. Also: Was ist das hier mit der Schwerkraft, den Ankern und dem Bagger?"
"Nun, die Schwerkraft lässt manchmal nach - und dann schweben alle Dinge und alles wird ganz leicht und nichts bleibt an seinem Platz und..."
"Käpt'n? Haben sie mein Dossier über diesen Planeten gelesen, bevor sie ohne Helm ausgestiegen sind?"
"Natürlich. Ich lese alles von ihnen. Glauben sie, ich will mich umbringen?"
"Haben sie auch das ACHTUNG-Kapitel gelesen?"
"Was für ein ACHTUNG-Kapitel?"
"Das stand auf Seite 30..."
"Bitte? WA-RUM steht das ACHTUNG-Kapitel erst auf Seite 30?!? Warum nicht ganz vorne!?!"
"Och, ich dachte, sie lesen es vielleicht trotzdem..."
"NEIN! Ich habe es NICHT GELESEN! Wahrscheinlich, weil es erst auf Seite 30 ihres Berichts anfängt! Wichtige Dinge und ACHTUNG-Kapitel gehören auf Seite 1! Ich könnte tot sein! Ein Wunder, dass ich noch lebe! Also: Was stand drin in ihrem ACHTUNG-Kapitel?"
"Nun ja, die Atmosphäre hier ist für uns Menschen durchaus genießbar, an einigen Stellen viel zu gut..."
"SIE SOLLEN MIR SAGEN, WAS DA WICHTIGES DRIN STAND! SOFORT!"
"Nun, es gibt hier Pflanzen mit psychogenen Wirkstoffen. Sowas haben wir auf der Erde zwar auch - aber die hier werden vier Meter hoch. Sie entwickeln enorme Samenkapseln, und wenn eine davon platzt, wabert eine riesige LSD-Wolke umher. Und wenn der Wind schwach ist, wird sie nicht verdünnt, sondern bleibt stationär stehen. Ich glaube, sie sind ohne Helm in so eine hineingelaufen und jetzt sehen sie Dinge fliegen..."
"DAS SAGEN SIE MIR JETZT? ICH HÄTTE TOT SEIN KÖNNEN! TOT! ICH!"
"Ach, so schlimm ist das auch nicht, ihr Leben wäre eben vorübergehend ein wenig bunter geworden... und... und... und..."
"Was ist, Doc?"
"Mein Tee!"
"Ihr Tee?"
"Mein Pfefferminzetee hängt unter der Decke! Holen sie ihn da runter! Mein Tee...! Aaaaaaaaah!"
"Ach, so schlimm ist das doch nicht, Doc, ist doch nur ihr Tee..."
"Käpt'n, sie haben die Tür vom Schiff offen gelassen, oder? Als sie wieder reinkamen haben sie die Tür vom Schiff offen gelassen und jetzt haben wir diese verdammten LSD-Sporen hier drin, oder? Alles ist voll davon! Und ich sehe den Tee fliegen! Das ist genau wie mit dem Anti-Grav-Generator vor zwei Wochen! Sie bringen uns alle noch um! Aaaaaaah...!"
"So beruhigen sie sich doch, Doc, das ist doch nicht so schlimm, das ist doch nur..."
"Nicht schlimm? NICHT SCHLIMM?!? Ich sehe meinen Tee an der Decke hängen! Wenn das nicht schlimm ist!"
"Ach so, ja, das wollte ich ihnen die ganze Zeit schon sagen."
"WAS?!?"
"Sie sehen ihren Tee an der Decke hängen - weil er tatsächlich an der Decke hängt."
"Käpt'n! Hören sie auf, mich in den Wahnsinn zu treiben! Ich bin hier der Arzt - wenn ICH durchdrehe haben sie niemanden mehr, der SIE zur Vernunft bringt!"
"Oh, ach das... wir drehen aber gar nicht durch, weder sie noch ich. Sie haben mein Dossier auch nicht zu Ende gelesen, was? Na, vielleicht habe ich's etwas unklar formuliert... und es stand ebenfalls weiter hinten, ich geb's ja zu..."
"WAS?!? DENN?!? WAS STAND WEITER HINTEN?"
"Gezeiten."
"Bitte?"
"Gezeiten. Man sagt auf der Erde: Gezeiten."
"Aaaargh! Reden sie endlich!"
"Gezeiten also. Dieser Planet hat zwei Monde. Regelmäßig alle sechs Wochen stehen die in einer Reihe, und dann heben sie die Schwerkraft hier auf. Rechnerisch ist das unmöglich, aber rein praktisch funktioniert es seit Jahrmillionen, sehen sie ja. Man braucht dann noch nicht mal eine Leiter für den Tee da oben."
"Das ist alles? Mein Gott, haben sie mich erschreckt! Und jetzt?"
"Jetzt binden wir unser Raumschiff an und schreiben die wichtigen Sachen weiter vorne in unsere Dossiers. Und jetzt holen sie ihren Tee da runter."
14 Oktober 2006
Ferne Welten
"Doc, dieser Planet ist merkwürdig!"
"Käpt'n, was haben sie denn diesmal für Sorgen?""
"Nun ja, wir haben den Aberglauben spätestens während unserer Raumfahrerausbildung wirklich abgelegt - aber das hier ist mir unheimlich."
"Und was ist ihnen passiert?"
"Eins dieser Tiere da draußen hat einem kleineren Tier den Kopf abgebissen. Und dann rannte das kleinere Tier davon, bis es außer Sichtweite war - ohne Kopf!"
"Das klingt wie eine Schauergeschichte von der Erde, aus dem 19. Jahrhundert."
"Ich habe es doch aber gesehen! Und es war keine Fata Morgana ... und bevor sie fragen: Ich hatte nur ganz wenig getrunken!"
"Na, wenn es wirklich nicht an ihrer Beobachtungsgabe liegt, dann vielleicht an diesen Tieren - und sie können ohne Kopf laufen und in ihr Versteck zurückkehren. Vielleicht hat dieser Planet eine sehr innovative Lösung, die der Evolution auf der Erde nie in den Sinn kam... wir werden so ein Tier fangen und es untersuchen."
...
...
"Und Doc? Was haben sie gefunden?"
"Jetzt werde ICH langsam abergläubisch!"
"Ach ja?"
"Ja. In dem Kopf gibt es kein Gehirn!"
"Oh, das hatte ich bisher nur von den Politikern auf der Erde angenommen."
"Scherz beiseite: Da drin ist sonst alles, was wir auf der Erde sonst auch haben, Augen, Zähne, Gehör - nur kein Gehirn."
"Aha."
"Ein richtiges Rückenmark haben die übrigens auch nicht. Also: Da ist schon was, nur führt es nicht in den Kopf."
...
...
"Käpt'n, ich habe es gefunden!"
"So, nun sagen sie schon! Machen sie's nicht so spannend! Wie funktionieren diese Dinger?"
"Diese Tiere haben nicht nur ein Gehirn - sondern ganz viele."
"Wie habe ich mir DAS denn denn vorzustellen?"
"Naja, jedes Organ, jeder Körperteil und jeder größere Muskel hat ein eigenes kleines Gehirn. Das fällt nicht so auf, wenn man nicht danach sucht. Und es gibt keine Schaltzentrale im Kopf sondern sie sind über ein Netz direkt miteinander verschaltet."
"Und das funktioniert?"
"Das sehen sie doch. Deshalb bewegen die sich wahrscheinlich so langsam: Es dauert eine Weile, bis sich alle Schaltzentralen abgestimmt haben und die Gehirne synchronisiert sind. Dafür ist es weniger anfällig: Der Verlust eines Teils führt nicht gleich zum Tod."
"Und das ist sinnvoll?"
"Denke ich doch. Die Gehirne der Muskeln liegen in den Knochen, dort sind sie sogar ganz gut geschützt. In den Teilgehirnen können auch Informationen über den Heimweg gespeichert werden. Wenn der Kopf abgebissen ist, findet das Tier trotzdem zurück ins Nest."
"Wozu? Zombies ohne Kopf?"
"Der Kopf wächst übrigens nach."
"Was?!? Wir werden diesen Planeten am besten FRANKENSTEINS ZOO
taufen. "
"Vielleicht tröstet sie eins: Die Tiere schmecken köstlich!"
"Sie haben doch nicht etwa...!?!"
"Doch, klar, was sollte ich denn sonst damit machen? Ich habe es eingeschläfert, und nachdem ich es für die Untersuchung zerlegt hatte, war es wirklich tot. Wirklich wirklich tot. "
"Barbar!"
"Vegetar!"
...
"Lassen sie uns auf diese Zombies einen trinken."
"Jawohl: Auf die Zombies!"
11 Oktober 2006
Modellbahnlyrik
Aber das Thema lässt sich gut verbinden mit dem früher schon ausgerufenen lyrischen Nebengebiet "Gedichte über schlimme Gerüche".
Und mit dem Maßstab eins zu zweiundsiebzig haben die AERONAUTEN bereits einen Anfang gemacht, eine leider völlig unterschätzte großartige deutschsprachige Musikgruppe.
Und wo kommt man auf solche Ideen, "eins zu zweiundsiebzig" und so? Genau: In der Schweiz.
07 Oktober 2006
Koranische Verse (II)
Vorhin in der U-Bahn. Zwei Jungs um die zwanzig sitzen nebeneinander und lesen. Der eine hat einen Taschenkoran, so einen im wertvollen Lederetui, mit Reißverschluss, und winzig klein. Der andere liest in einer Hochglanzbroschüre über Computerspiele. Beide sehr konzentriert.
Der mit der Broschüre beugt sich plötzlich rüber und kuckt interessiert in den Koran, so mit dieser Geste "Was liest'n grade? An welcher stelle bist'n? Is das spannend?" Der mit dem Koran ist gar nicht überrascht. Er wiegt den Kopf hin und her "Na da ..." (Details waren schlecht zu verstehen) und sagt ein paar Worte.
Der mit dem Computerspieleheft wendet sich wieder seiner Lektüre zu.
Wenige Sekunden später zuckt der Koranleser und beugt sich über das Computerspieleheft und zeigt hektisch auf eine Stelle in der aufgeschlagenen Seite "Oh, wenn Du das hast musst es mir auch mal geben!" Dann strahlen sich beide an und diskutieren ein wenig.
Nach ein paar Sätzen liest jeder wieder weiter, vertieft in seinem Text.
Koranische Verse (I)
Heute bin ich das erste mal von einer Türkin angebaggert worden. Ich so beim Einkaufen auf dem Crellemarkt vor den Weintrauben, greife grade zu und werde von der Seite von einer weiblichen Stimme mit Akzent angesprochen: "Können sie mal kosten ob die süß sind?" Das könnte von mir sein, so originell ist das. Das ist eigentlich mein Text. Ich sehe nach rechts: Da steht eine junge Frau, knapp zwanzig, mollig und mit langem Kleid und Kopftuch. Sie hält ebenfalls ein paar Weintrauben hoch.
Ich: "???"
Sie: "Ich faste!"
Ich bin kurzzeitig überrascht: "Äh, ja, natürlich."
Dazu nur den Hinweis: Jetzt ist selbst in Deutschland Weintraubenzeit und es ist derzeit weit schwieriger, Weintrauben zu bekommen, die NICHT süß sind. Sie weiter: "Sie können auch VON MEINEN KOSTEN!"
Und ich denke so bei mir "Joh, das würde ich gerne tun, Mädel!" Sage aber verlegen: "Doch ja, die sind süß." Sie war leider nicht mein Typ. Und zur Entschuldigung: "Ich greife aber immer nach den leicht gefärbten - die sind immer süß..."
"Oh! Haben sie einen Blick dafür!?!" Ich komme langsam ins stottern und sage "Naja, ich geb mir Mühe..." - aber dass die gelblich gefärbten die süßeren sind, wusste ich schon mit zehn Jahren.
Aber sie lässt nicht locker und fährt fort: "Oh, wenn sie jeden Mittwoch hier sind, können sie ja jedes Mal bei mir kosten?" In mir steigt Panik auf. Und mir fällt nur ein: "Na irgendwann wird der Fastenmonat ja mal wieder vorbei sein..." Wir lachen beide. Der türkische Verkäufer lacht auch.
Sie war eben leider nicht mein Typ.
Auf dem Heimweg denke ich mir: Wo bist Du hier reingeraten? Inzwischen wirst Du von fastenden türkischen Mädels angebaggert die deine Tochter sein könnten. Tss, tss! Aber insgesamt war mir diese Erfahrung nicht unsympathisch.
04 Oktober 2006
Jalousien
Gerade ist mir der Unterschied zwischen "außen liegenden Jalousien" und "außenliegenden¹ Jalousien" aufgefallen. Erstere wurden leider geklaut.
¹ gibt auch innenliegende Jalousien: Die sind einfacher anzubauen und billiger, weil sie dem Wind nicht standhalten müssen. Aber wenn man Überhitzung der Räume verhindern will, ist das eine ziemlich blöde Idee, so lange die Sonne da drauf scheint: An den erhitzten Jalousien erwärmt sich die Luft und steigt nach oben. Wenn sie das IM RAUM tut bleibt es leider warm. Ein Haufen Kollegen will das aber nicht verstehen.
03 Oktober 2006
Großes Kino ¹
Ha!
Ha!
Ha!
Das ist ja so der Sport unter Bloggern, wenn ich das richig verstanden habe: Einen Zähler einbauen und dann großspurig mit den Ergebnissen prahlen. Habe ich auch gemacht, dachte mir, mal sehen, was da so kommt.
Ha!
Kann ich gar nicht oft genug betonen: HA!
Ich habe nämlich zwei (in Worten: 2!) Leser aus der Schweiz und sogar einen aus Argentinien. Sowie einen aus Belgien. Ein Belgier! ...jedenfalls interpretiere ich die Anzeige der Besucherherkünfte vorläufig so.
In der Mathematik nennt man das "über den zulässigen Bereich hinaus extrapolieren". Aber ich bin ja kein Mathematiker. Also: Mathematiker bin ich auch nicht.
Noch viel interessanter erscheint mir allerdings die Statistik der Bildschirmauflösungen. Immerhin 27 Leute kamen nämlich mit der Auflösung von 1600 x 1200 ... also, dafür habe ich den Text bestimmt nicht optimiert, ich fürchte, schon diese Leute sehen genau gar nichts. Schließlich werden nicht die Bildschirme immer größer, sondern die Bildpunkte immer kleiner - oder ist das zu pessimistisch?
Immerhin 20 Besucher kommen mit 2048 x 768: Was für'ne Auflösung ist das denn?? Supercinemascope? Technicolor? Oder ist das eine Art Master-Blaster unter den Bildschirmen? Laufen auf der Straße inzwischen Leute in unförmigen Hosen mit Bildschirmen auf der Schulter rum? Und wenn man in den Lichtkegel gerät hat man nach zwanzig Sekunden einen Sonnenbrand? Tsstss, was mir alles entgeht... ²
Aber der Hammer sind die 12 Besucher mit sage und schreibe 2560 x 1024 Bildpunkten!!! WAU! Solch ein Bildschirm würde bei mir die gesamte eine Zimmerwand einnehmen. Wenn ich in meinem Zimmer eine freie Wand hätte. Eigentlich klingt das so, als würde irgendjemand mein Blog auf eine Kinoleinwand projizieren. Puuuuuuh: Sitzt Ihr da draußen zu mehreren im Dunkeln, esst Popcorn, trinkt Bier und lest gemeinsam mein Blog? Öcht? Das schmeichelt mir sehr! Ähm... könnte ich auch was von den Eintrittsgeldern haben? Ich würde dafür einen ausgeben - wenn Ihr mir sagt, wo ich hinkommen muss. Öcht!
¹ der Titel ist doch nur, um damit Suchmaschinensucher anzulocken
² ich denke dabei an einen Dokumentarfilm³, ohne Kameraschwenk, wo einfach einer zu Fuß von der einen Bildseite bis zur anderen geht - und dafür dreizehn Minuten braucht. Das ganze natürlich mit O-Ton-Knirschen der Füße im Kies, und ohne Musik.
³ andererseits doch eine schöne Vorstellung: Nämlich eine rabaukenhafte Hip-Hop-Dokumentarfilm-Jugendkultur. Wo sich unterprivilegierte Halbstarke anpöbeln, weil einer Die Kinder von Golzow nicht in voller Länge gesehen hat.
...und ihr absoluter Gottesdienst ist dann "Retour d'un repere compose" - aber das ist jetzt wirklich ein Scherz für Insider... Mist, jetzt muss ich den Namen gugeln.
01 Oktober 2006
Beispielsweise Tomaten
Es gibt weltweit über 3.000 Sorten Tomaten, aber in Berlin werden genau 5 Sorten verkauft, die alle nach Wasser resp. nach gar nichts schmecken. Dafür hat jede mehr Flugmeilen auf dem Buckel als weiland Papst Carol "Asphaltkuss" Wojtyla.
Es hilft auch nicht, dass die Tomaten schon lange nicht mehr aus Holland kommen ("schnittfestes Wasser"), sondern aus dem vermeintlich sonnigen Spanien: Irgendwie schaffen sie es dort, alle Auswirkungen der Sonnenstrahlung von den Tomaten fernzuhalten. Naja, ich habe auch noch andere Vorbehalte gegen Spanien.
Und dann noch "Aktuelle Untersuchungen haben ergeben, dass der Gehalt an Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen in Konservendosenware meistens höher liegt als bei frischer Ware." Sowas hatte ich immer befürchtet.
25 September 2006
Weil
"Die macht mich fertig! Aaaargh! Kann mir irgendjemand sagen, warum ich mich mit dieser Schnecke eingelassen habe?!?"
"Weil du sie liebst."
"Wer? Ich? Ach so, ja ... hm ... na, dann..."
24 September 2006
Erben der Kürbiskriege
- Die Offenbarung -
In der Kommentarabteilung zu diesem Beitrag wurden wir mit einem Utensil von unabsehbarer Bedeutung bekannt gemacht:
Es handelt sich hier um ein Gerät zum wettkampfmäßigen Verschießen von Kürbissen.
Der zurechnungsfähige Betrachter mag sich eine Weile fragen: "Warum nur? Wozu?" Aber das lässt zum Glück bei den meisten irgendwann wieder nach.
Schlussendlich, nach einigen Wochen Bedenkzeit, hat sich → mir ← etwas offenbart, und zwar Die Sinnvolle Anwendung™.
Geltungsbereich:
Diese Offenbarung gilt sowohl für unkaputtbare Kürbisse wie auch für die lange fälschlich missachtete Unkaputtbarer-Kürbis-Kanone, welche die ultimative Weiterentwicklung des Unkaputtbarer-Kürbis-Katapultes darstellt.
In einer Zeit - oder einer Region - ohne entwickelte Funktechnik kann man damit körperlich Nachrichten transportieren!
Und das geht so:
Der Nutzer schreibt seine vertrauliche Notiz mit Tinte und Füllhalter auf Pergament, rollt diese auf und steckt sie durch eine kleine Öffnung des speziell zu diesem Zweck gezüchteten, ausgehöhlten und getrockneten Kürbis' (Longlife-Kürbis²)
Sofern man die Geräte im Prinzip einer Semaphor-Kette aufstellt, können die Nachrichten von Kanone zu Kanone weitergeschossen werden. Ein ausgebildeter Nachrichtenkollektor sucht die mit einer gewissen Streuung einschlagenden Kürbisse und sammelt sie ein, der Nachrichtenkanonier steckt sie in die nächste Kanone und feuert sie weiter.
Das geht auch nachts, denn man braucht den Kürbis nur in benzingetränkte Tücher zu wickeln und anzuzünden. Es funktioniert sogar im Nebel, weil der ausgebildete Nachrichten-Kollektor hören kann, wo der Kürbis einschlägt. Das gehört zu seiner Ausbildung. Er muss nur darauf achten, dass er von der eintreffenden Nachricht nicht selbst - buchstäblich - getroffen wird.
Solche Kanonen bedeuten für die noch zu entwickelnden Länder einen enormen Fortschritt in der Nachrichtentechnik.
Deshalb überzieht bald ein immer dichteres Netz von Nachrichten-Schuss-Strecken das Land, schließlich möchte in einem sich entwickelnden Land niemand mehr weit zum Briefkasten laufen. Permanentes heftiges Rumpeln kündet vom Mitteilungsbedürfnis der Bewohner.
Für die Jugend gibt es
- kostengünstige Möglichkeiten der Sammelübermittlung!
- Nachbildungen von unterschiedlich strukturiertem Pergament acht verschiedener Tierarten!!
- Abonnements für das Anrecht auf Transport in verschiedenfarbigen Kürbissen!!!
Die Jugend ist über dieses zukunftweisende Angebot begeistert und sendet sich in hoher Frequenz unzählige Nachrichten, deren Inhalt nur wenige Worte, zumeist in Abkürzungen, umfasst.
Nach einem Zeitraum der Entwicklung machen sich Kanoniergesellschaften gegenseitig Konkurrenz, ohne auf Qualität zu achten. Regelmäßig schlagen Nachrichten auch in Hausdächern ein. Wenn die Bewohner nicht in ihrem Heim sind, muss der auch für diesen Fall ausgebildete Nachrichtenkollektor dort einbrechen und den Kürbis mit der Nachricht abholen. Das sagen jedenfalls die Nachrichtengesellschaften. Falls die Bewohner doch zu Hause sind, fliegen ihnen zuweilen Dachziegel und Haustüren um die Ohren, vereinzelt werden auch zu leichte Wände durchschlagen.
Irgendwann treten rückwärtsgewandte Umweltschützer in Erscheinung, verbünden sich mit unsympathischen Haus- und Grundbesitzern, welche über den Wert ihrer Immobilie besorgt sind, und beanstanden das, was sie als "Lärm" bezeichnen. Infolgedessen werden "leise" Nachrichtenkanonen entwickelt, die etwa so leise arbeiten wie in den entwickelten Ländern ein leise startendes Großraumflugzeug. Die Nachrichtenübermittlung wird aus den Villenvierteln weg in die einkommensschwachen Bezirke verlegt, naheliegender Weise dorthin, wo sich niemand einen Anwalt leisten kann oder wegen einiger Geräusche gleich die Polizei ruft.
Nachdem sich der Informationstransport zusammen mit dem Land ein wenig entwickelt hat, verbessert sich die Treffsicherheit enorm. Durch fortschrittliche mathematisch-empirische Verfahren ist es möglich, beim Verschießen Windrichtung, Größe und Form des Transportkürbisses zu berücksichtigen. Zum Einfangen können nun riesige Trichter aus Draht verwendet werden, durch die der Nachrichtenkürbis direkt in den Ladeschacht der nächsten Kanone rollt. Dadurch lässt sich auch noch eine Arbeitskraft einsparen.
Der zuständigen Gewerkschaft wird dieser Schritt als Maßnahme zum Arbeitsschutz verkauft, weil jetzt pro Kanone ein Mensch weniger von Kürbissen erschlagen werden kann. Aber bis dahin ist Arbeit im noch zu entwickelnden Land billig und der Bau solcher Trichter lohnt einfach nicht.
¹ geiler Genitiv, was?
² die No-Name Kopie, das Me-too-Produkt, wird späterhin "Everlast-Kürbis" genannt und kostet nur die Hälfte. Im Gegensatz zum Longlife-Kürbis ist sie nicht wiederverwendbar.
21 September 2006
Die Schöpfung
Und am zwölften Tag der Schöpfung saß der Herr so da und sah wohlgefällig auf sein Werk herab und machte sich ans Fein-Tuning und fragte sich: Wäre es nicht ganz schön, wenn auch Bandwürmer sehen könnten? Dann fiel ihm aber wieder ein, dass der Bandwurm eigentlich nicht viel interessantes zu sehen bekommen würde in seinem Leben: Halbverdautes Zeug, innere Organe von innen, Fakalien sogar, und nicht mal wenig, dabei war es doch die meiste Zeit dunkel.
Deshalb gab er das Augenlicht lieber den Menschen - um sie zu strafen: Weil sie bis dahin schon im Paradies eine Menge Unfug angestellt hatten und mit Ungeduld die Reife der Früchte des Apfelbaums erwarteten.
Mit sich selbst schloss er sodann eine kleine Wette ab, wie lange es denn dauern würde, bis sie vor den nunmehr schön anzusehenden Äpfeln schwach würden. Sein zweites Ich meuterte sofort und beklagte, dass das allein ja wohl gar keine Herausforderung sei. Um den Einsatz zu erhöhen, führte er sie also noch in Versuchung, denn er kannte ihren Hang zur Zuwiderhandlung: Er verbot ihnen, von den Äpfeln zu essen.
Und um sie vorab mit den späteren Gebräuchen der entwickelten Gesellschaft bekannt zu machen, schickte er die erste Werbesendung - die Schlange.
Anschließend notierte er: Begriff 'Zuwiderhandlung' in Gesetzbuch aufnehmen
18 September 2006
Kamele
Genau: Ich war am Wochenende in der Uckermark.
Sehr geehrter...
15 September 2006
Überraschung!
ABER!
Ich war ehrlich überrascht, dass es die Dinger auch mit Geschmack gibt. Solche habe ich in den bayrischen Kernlanden nämlich bisher nie bekommen. Wenn man das dort beanstandet, die weitgehende Geschmackfreiheit, behaupten die meisten Einheimischen: "Des muss fei so sei!" Und erklären weiter, der Geschmack käme vom süßen Senf. Sempft.
Ich wunderte mich bisher schon: Wenn man die Dinger wirklich geschmackfrei haben wollte, müsste man doch kein teures Kalbfleisch dafür verwenden, dann würden es die üblichen halbverwesten Schlachtabfälle auch tun. Oder man könnte sich an den englischen Pappwürstchen ein Beispiel nehmen - der Himmel weiß, was da drin ist und wie sie das authentisch pappige Gefühl immer wieder hinkriegen. Sausages.
Aber jedenfalls habe ich dazugelernt: Es gibt auch Weißwurst mit Geschmack - und die da unten haben mehrheitlich vom Essen genausowenig Ahnung wie der gemeine Berliner.
Darauf gabs dann ein Weizen zum Weißwurstfrühstück, sehr traditionsbewusst, das mussten wir uns geben auf diesen Erfolg, und ich bin der alten Regel einmal untreu geworden: "Kein Bier vor vier!"
Eine kleine Ergänzung zum Transport der Würste:
Die kamen auf dem Luftweg. Heutzutage ist ja im Flugzeug alles verboten, seit die Sicherheitsbehörden entdeckt haben, dass man auch aus Flüssigkeiten Explosivstoffe mischen kann (nur einige ausgewählte Chemiker wussten das anscheinend schon früher). Und was nicht alles flüssig ist: Obst, Zahnpasta, Babynahrung, Sonnencreme, Apfelsaft, Kontaktlinsenflüssigkeit. Am Eingang wird gründlich gefilzt und man muss wirklich alles abgeben. Man muss ja schon froh sein, dass man im Flugzeug seine Kleidung anbehalten darf.
Mein Freund hingegen, der Weißwurstmitbringer, wusste um die verderbliche Ware und packte sie auf sorgfältigste ein: Unter nassen Handtüchern lagen die Würstchen zwischen lauter Kühlakkus. Und das ganze nahm er selbstverständlich mit ins Handgepäck, bei Unterdruck im Gepäckraum wären die Würste womöglich geplatzt. Das mag auf dem Röntgenschirm lustig ausgesehen haben: So ein Haufen Kühlakkus.
Aber er sagt, dass sie ihn noch nicht mal drauf angesprochen haben. Am Münchner Flughafen sind sie solchen missionarischen Eifer wahrscheinlich gewöhnt und sagen sich, wer Weißwurst isst, wird bestimmt keinen Sprengstoff transportieren. Oder das ist Gottvertrauen. Oder wägen sie womöglich beides gegeneinander ab?!? Nein, ich bin nicht zynisch.
09 September 2006
Im Grunde...
wenn man es schafft,
von jedem der 80 Millionen Deutschen
nur einen Euro zu bekommen.
Wollte allerdings jeder Deutsche
auf diese Weise Millionär werden,
sollte ich besser
schon mal 80 Millionen Euro bereit halten.
Tja.
08 September 2006
Interludium
Juli Zeh ist eine Autorin, die in ihrem Lebenslauf schreibt, dass sie im Studienfach Jura das beste Staatsexamen in Sachsen gemacht hat. Aha. Na, sowas muss man ja auch wissen als Leser.
06 September 2006
Chronik der Kürbiskriege (8)
Der Erfindung des Biers war einer der Standarddialoge des Stammes vorausgegangen, sogar eigentlich DER Standarddialog der Fynfzencilohant'l - sozusagen ein Vorläufer ihrer Nationalhymne. Hier ein Auszug:
"Häuptling! ... Häuptling?"
"Ja. Lass mich in Ruhe."
"Häuptling... "
"Was ist?"
"...jemand muss den Abfluss vom Fußbadebecken reparieren."
"Du kannst reinkommen, aber halt den Mund."
"Das Wasser steht einem da drin schon bis zum Schniedel."
"Ja. Bis zu deinem Schniedel. Was hast du auch so einen langen und so kurze Beine. Hau ab!"
"Aber davon ist in unserer Zeremonie keine Rede. Und die ist hunderte Sonnenumläufe alt!"
"Du sollst mich in Ruhe lassen!"
"Es heißt
Kniehoch sei das Wasser
und nicht höher als zum Knie!
"Ja, und?"
"Aber vom Knie ist es noch ein ganzes Stück bis zum Schniedel, selbst bei mir."
"Mir doch egal."
"Davon wird der Abfluss aber nicht besser."
"Dann reparier ihn selbst."
"Ich bin Indianer und kein Klempner."
"Frag einen Klempner."
"Wir haben keine Klempner."
"Dann frag jemand anderen."
"Wen denn?"
"... was weiß ich?"
"Du bist der Chef."
"Mag sein. Aber vor allem bin ich Fynfzencilohant'l, wie du auch. Du weißt genau, dass ich es hasse, wenn mir einer die Hucke vollquatscht. Wir alle hassen das. Du auch."
"Ich nicht."
"Lüg mich nicht an! Ein Indianer lügt nicht!"
"Gut. Also, ich hasse es weniger."
"Ich frage mich wirklich, woher du das hast. Besser noch: Ich frage deine Mutter."
"Die fragt sich das auch."
"Wenn Du keine Ruhe geben willst, verschwinde!"
"Ist das dein letztes Wort?"
"Ja!"
"Wirklich?"
"Wenn du jemanden zum Zuhören suchst, erzähl's deinem Frisör."
"Ich habe keinen." "So? Warum nicht? ... ach, nein! Vergiss es!" "Ich trage Windfransen, das ist jetzt modern, da muss man nicht so oft zum Frisör." "Dann erzähls deinem Lama." "Nein!" "Nein? Aber dein Lama muss dir zuhören!" "Es spuckt immer nach mir, wenn ich mit ihm rede." "Wundert mich nicht. ... ... ... ... dann erzähl's deiner Frau." "Die auch." "Da hat sie eigentlich recht." "Aber Chef - denk an das Fußbadebecken..." "Ach was. Da scheißt der Adler drauf. Scher dich da hin, wo der Erdapfel wächst!" "Na gut, Chef. Du hast es so gewollt!" "Ja, habe ich. ' sehen uns dann beim Fußbad."
Chronik der Kürbiskriege (7)
Ungünstigerweise weichten die Füße der angestellten Fußbade-Indianer so stark auf, dass man ihnen Pausen vom Fußbaden gönnen musste. Deshalb gab es immer nur für einige Tage nach Neumond das gute Premium-Kürbisbier. Es war teurer.
Zu bedenken war allerdings, dass Fußbäder bei den Fynfzencilohant'l eine spirituelle, religiöse Einrichtung waren. Niemand konnte einschätzen, was die täglichen Dauergebete der neuen Angestellten bei den Ahnen bewirkten. Ob man mit dem ewigen Gebete nicht vielleicht doch den Göttern gehörig auf den Zünder ging und sie einem dafür irgendwann zürnten. Ein speziell ausgebildeter 'Schamane für moderne Gebetstechniken' entwickelte daher ein Anti-Gebets-Gebet: Ein Entschuldigungsritual, mit dem man versuchte, den Ahnen Abbitte dafür zu leisten, dass man ihnen jetzt dauernd in den Ohren lag. Und das nur wegen einem Becken voller Bier. Aber das mit dem Bier erwähnte der Schamane in dem neuen Gebet lieber nicht.
Irgendwann, in einer Trance, erwischten sie ihn doch, und einer seiner Ahnen fragte ihn ganz unerwartet von hinten: „Sag mal, Du willst uns doch bescheißen, oder?" Es war die Stimme seines Onkels - dem Schamanen wurde schwindlig. Anders schwindlig als sonst allerdings. Ertappt! Mist! Der hatte ihm schon zu Lebzeiten mit seiner nervtötenden Allwissenheit mächtig zugesetzt. Einige behaupteten, der Onkel könne Gedanken lesen, sowohl die seiner Stammesmitglieder wie auch die der toten Ahnen. Der Neffe hatte das nie geglaubt - aber anscheinend war tatsächlich was dran gewesen. Eigentlich schade, dass er jetzt tot war.
Chronik der Kürbiskriege (6)
Die benachbarten Stämme wurden ebenfalls mit dem Gebräu bekannt gemacht. Sie waren genauso schnell begeistert wie abhängig, fanden aber das Geheimnis seiner Herstellung wegen des mürrischen Wesens der Fynfzencilohant'l nie heraus. Alles, was nicht auf dem Feld vor dem Pueblo wuchs, konnten die Fynfzencilohant'l jetzt für das Geld vom Bier kaufen. Ein seltsamer Wohlstand machte sich breit.
Wegen der großen Nachfrage bauten sie extra ein neues, viel größeres Becken, um dort nur Kürbisbier zu brauen, ohne die lästigen Fußbäder. Aber das funktionierte nicht: Das Bier schmeckte nicht und die Gärung kam meist gar nicht erst in Gang. Lustlos kehrten sie zur Herstellung in ihrem seichten Fußbadebecken zurück.
Einige Sonnenwechsel später engagierten sie arbeitslose Indianer fremder Stämme, die jeden Tag lange Fußbäder im Becken nehmen mussten. In Grundzügen funktionierte das. Das Bier dabei entstehende Bier schmeckte erträglich - aber kein Vergleich zu dem Bier, das bei ihren eigenen Fußbädern herauskam! Anscheinend hatten nur die Fynfzencilohant'l geschmacksverbessernde Füße. Das Bier wurde noch besser, wenn sie vor dem Fußbad eine Woche lang ihre Lederstrümpfe angelassen hatten.



