27 November 2019

Verlegenheit

Farfalle kochen

Semmelbrösel anrösten
Butter
Zwiebeln
Kürbis*
Becher Schlagsahne
Salz
Ingwer
Kardamom
Teil vom Nudelwasser in die Pfanne




* Hokkaido oder Butternut - Hauptsache, die Schale wird beim Kochen weich

Farfalle habe ich eigentlich nur geschrieben, weil sie gerade da waren. Meinetwegen dürft Ihr auch andere Nudeln nehmen.




erneutes Experiment aus der Reihe "Man nehme ... was gerade da ist"

18 November 2019

Antike Ankdote

Wie Nero einmal nicht bekam, was er wollte. Und wie sein Haushofmeister voll der Verzweiflung war darüber, dass er seine Majestät nicht zufrieden stellen konnte und ausrief "Aber Herr, Gott unter Göttern, Einzigartiger! Im Januar wachsen nun mal keine Erdbeeren!" 

Und wie Nero daraufhin sich empörte: "Bin ich der Kaiser von diesem verkackten Riesenreich oder was? Wofür mache ich das alles hier überhaupt!"

Und wie der Haushofmeister darauf, nicht achtend möglicher Züchtigung, erhobenen Hauptes mutig entgegnete: "Trotzdem nicht."

Und wie Nero daraufhin nicht etwa Rom anzündete, und auch nicht den Haushofmeister vierteilen ließ und sogar nicht einmal ein paar Christen den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen. Sondern wie er mit gespitzten Lippen antwortete: "Na gut. Dann eben nicht."

09 September 2019

SUV-Melancholie

Der SUV ist das Symbol für ziemlich vieles, das in Deutschland derzeit so schief läuft: Auseinander­klaffende Einkommens­schere, Prahlerei, Rücksichts­losigkeit, Uneinsicht, aber auch Neid und/oder Lobbyismus.


Eigentlich braucht es keinen Grund für so eine Betrachtung, sie war ohnehin längst fällig, aber es gibt derzeit wieder einen konkreten Ausgangspunkt: In Berlin ist ein schwerer Unfall geschehen, bei dem ein Fahrer mit einem SUV vier Menschen auf dem Bürgersteig getötet hat.

Ich wiederhole: "SUV" - "vier Menschen" - "Bürgersteig".

Die üblichen Umweltschutzverdächtigen nehmen dies zum Anlass, ein Verbot von SUVs in Innenstädten zu fordern: Der Fußgängerverband, die Umwelthilfe, grüne Politiker.

Die üblichen Ignoranzverdächtigen nehmen diese Forderung zum Anlass, vom Problem abzulenken: Ein Einzelfall, Fahrer war womöglich krank, überhaupt sei es ja immer der unbedachte Fahrer, das SUV könne doch gar nichts dafür, Pietätlosigkeit, Thoughts & Prayers usw. Man kennt die ganze Argumentationskette von der amerikanischen Waffenlobby, wenn es wieder einen Amoklauf gegeben hat, und kann sie 1:1 hierher übertragen.

Grundlage von allem: Die Autoindustrie baut SUVs, weil sie sich in Deutschland sehr gut verkaufen. Es gibt nicht nur eine Nachfrage, sondern auch überraschend zahlreiche Leute, die sich so einen Riesen-Kasten leisten können und wollen. Offenbar wird an den "Geländewagen" sehr gut verdient, jedenfalls besser als an Kleinwagen, daher werden sie offensiv beworben. Für die Industrie gibt es überhaupt keinen Grund, davon abzulassen.

Dass die Verkaufszahlen dieser Geräte derzeit so rasant steigen, liegt einfach an der Einkommensschere in Deutschland: Mehr Leute können sich ein teures Auto leisten, wissen nicht mehr wohin mit ihrem Geld, und gleichzeitig können sich mehr Leute gar kein Auto leisten.

Die Nachteile der neueren SUV sind allgemein bekannt: Sie sind im Durchschnitt viel größer und schwerer als ein herkömmlicher PKW, brauchen mehr Platz, verbrauchen rundherum mehr Ressourcen, und zwar nicht erst während der Fahrt, sondern auch schon bei der Herstellung. Bei Unfällen mit SUV ist derjenige, der nicht im SUV sitzt, eigentlich immer der Unterlegene: Fahrer von Kleinwagen, Fußgänger, Radfahrer.

Und vorher auch, ein SUV ist ja nicht nur größer und schwerer, sondern notgedrungen auch stärker motorisiert und teurer als ein klassischer PKW.

Das hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung deshalb lassen wir die wissenschaftliche Definition eines SUV einfach mal weg. Die geneigten Leser wissen schon, was gemeint ist: Nicht der poplige Lada Niva, nicht der kleine SUBARU des Revierförsters. Sondern über 2,00m breite Riesenkisten, halbe Tonne schwerer, breitbereift und tiefergelegt, Alufelgen und mit hunderten von PS, in denen aber auch nur 5 Personen mitfahren können. In der Regel sitzen maximal 2 drin und für Wege abseits asphaltierter Straßen sind solche Geräte denkbar ungeeignet. Man kann damit aber gut auf dem Bürgersteig parken, das ist die eigentliche Bedeutung von Off-Road.

Warum kaufen Kunden nun wohl diese monströsen Apparate? Hauptsächlich zwei Gründe, man kommt ja ganz schnell drauf: Prestige - sie wollen halt angeben mit dem unübersehbaren Monstrum. Und "Man sitzt ja so schön hoch und kann so gut sehen!", also schon ein irgendwie praktischer Aspekt. So bequem und so viel Platz - den man das ganze Jahr über nicht braucht.

Wer einmal mit einem PKW hinter einem SUV her gefahren ist weiß: Gut sehen kann nur der SUV-Fahrer - allen anderen raubt er die Sicht. Genauso verhält es sich mit der Sicherheit, betreffs Unfälle: Sicher ist nur der SUV-Fahrer. Genauso verhält es sich mit dem Verbrauch: Wer schon eine deutlich höhere Summe für das Auto ausgegeben hat, dem ist der Spritverbrauch, wie auch die Umweltbelastung, herzlich egal.

Aber ein SUV ist gut fürs Ego: Der Fahrer sitzt bereits höher, auf die meisten anderen Verkehrsteilnehmer kann er überlegen herabsehen. Einige der SUV-Fahrer (nicht alle) verhalten sich dann auch entsprechend rücksichtslos und fahren wie die Schweine. Beinahe jeder in Berlin ist schon einmal von einem SUV mit aufheulendem Motor überholt worden. Klar, wer so ein Auto zum Angeben gekauft hat, der will damit eben auch angeben. Und er will GENAU DIESEN Neid spüren, der jetzt wieder so heuchlerisch beklagt wird.

Die Vorteile des SUV gehen irgendwie immer auf Kosten der anderen. Das ist im besten Fall gedankenlos, im Normalfall aber einfach rücksichtslos. Und genau deshalb sind diese Kisten bei der Restbevölkerung so verhasst.

06 Juli 2019

Vergangenheit - Waldbad

Der Große Bloguator™ begibt sich gerne auf Zeitreise. Beispielsweise an Orte seiner Jugend. Beispielsweise in seine frühere Heimatstadt¹, aus der er vor langer, langer Zeit im Unfrieden geschieden ist.

Mittlerweile hat Der Große Bloguator™ jedoch seinen Frieden gemacht: Mit seiner Heimatstadt, mit den Verhältnissen und mit den meisten Menschen im Allgemeinen. Nicht mit allen, selbstverständlich.

...hm? Äääh, ja, es geht um einen Ort, an dem sich Der Große Bloguator™ in einer Zeitschleife wähnt, nämlich das Waldbad namens Langer Teich, ein wenig außerhalb der Ortschaft, mitten im Wald.

Früher, noch zu Zeiten der Mauer und des Eisernen Vorhangs, war dieses Waldbad eine der Top-Freizeitdestinationen der Bewohner dieser Kleinstadt am äußersten Rande Deutschlands. In den Ferien und an Wochenenden war es brechend voll, man musste sehr früh am Tag anreisen, um auf der Wiese einen freien Platz für sein Handtuch und den kleinen Rucksack zu finden. Über dem ganzen hingen ganz typische Gerüche: Holzschutzmittel, Grillimbiss, Wald, Gewässer.

Umziehen konnte man sich in einem hölzernen Gebäude, weiter hinten mit verschließbaren Schränken, weiter vorne mit Sammelumkleiden für die Kinder. Warum auch immer.

Wie in anderen Bädern auch gab es einen Kiosk mit Eis und Bratwurst. Der Geruch von Holzschutzmittel mischte sich mit dem von Sonnenöl. Aber im Gegensatz zu anderen Bädern auch mit dem Geruch von Wald. Und einem Hauch von Fischteich.

Eine sehr eindrucksvolle Kulisse.

Nun ergab sich an einem Sommertag im Jahr 2019 die Gelegenheit zu einem erneuten Besuch, mit etwas mehr als 40 Jahren Abstand. Aus der Presse war zwischenzeitlich zu erfahren, dass das Waldbad von einem Verein betrieben wird und nicht mehr kommerziell - wurde es vielleicht auch nie, keine Ahnung.

Eigentlich sollte es nur ein kurzer Blick von draußen werden, an der Hecke vorbei, über den Zaun der Badeanstalt: Um zu sehen, wie viel davon noch unverändert existiert². Und um nicht Eintritt zu bezahlen für das Recht, voll bekleidet zwischen lauter gestrandeten Walen herumzustolpern.

Nun ja, wie es so ist mit den Erwartungen: Die Hecke gibt es nicht mehr. Aber dafür kostet es auch keinen Eintritt. Und an einem Samstagnachmittag im Sommer kurz vor den Ferien herrscht erstaunliche Weite: Es gibt kaum Besucher!

Ein paar Dinge sind aber immer noch da: Der Steg aus Beton und der Sprungturm mit dem 3m-Brett. Das Nichtschwimmerbecken. Die Sammelumkleiden aus Holz, "Knaben" und "Mädchen", ohne ein einziges Fenster aus Glas und mit dem originalen Geruch nach Holzschutzmitteln von vor 40 Jahren. Der Kiosk, wo man immer noch NOGGER kaufen kann: "Nogger dir einen!"

(FLUTSCHFINGER stammt erst aus den 1980er Jahren, wird aber auch verkauft. Leider inzwischen auch MAGNUM³. Aber sie haben auch einfach Pommes und Schnitzel)

Neu hinzugekommen sind zahlreiche hübsche Kabinen aus Holz, mit Edel­stahl­duschen in der Mitte, über dem alten Becken. Und neu hinzugekommen ist eben die unfassbare Menschenleere dieses unspektakulären, wirklich schönen Ortes: Am Samstag der Ankunft des Großen Bloguators™ insgesamt nur ca. 30 Besucher.

Daher hier die klare Empfehlung an alle, die es im Sommer in den äußersten Nordosten Bayerns verschlägt: Geht ins Waldbad Langer Teich!


nein, es ist keine Wüste, am Tag des Besuches hatte es bereits eine Weile nicht geregnet



























¹ vgl. hier: Abrechnung mit einer Heimatstadt
² sehr hohe Wahrscheinlichkeit: Unveränderung ist eine der Kernkompetenzen der Ortschaft
³ über MAGNUM wird hier sicher noch eine eigene Litanei erscheinen

06 Mai 2019

Lernerfolg

….oder was auch immer. Na, jedenfalls, nach nur 18 Jahren eigener Webseiten ist es mir heute gelungen, das ˂⁰((( ~~˂ so zu substituieren, dass es von anderen Webseiten¹ nicht wegen der HTML-Tag-Klammer unvorhersehbar vermurkst wird.

ERFOLG!




¹ herkömmlichen Webseiten deutscher Sprache

31 März 2019

Sätze

Diesmal habe ich immerhin drei Sätze bis in die Mitte des Fettnapfes gebraucht.
Party. Junge Frau steht mir gegenüber und ich versuche ein Gespräch. 

Sie: "Ich bin kürzlich operiert worden."
"Ach ja? Zeig mal!"
"Da, schau."  sie zeigt auf eine Narbe am Hals, Höhe Kehlkopf, die bisher durch einen Schal verdeckt war.
"Oha, ziemlich groß. Das ist eine wunderschöne Narbe!"
"Schilddrüse..."
"Whoaa, sehr beeindruckend! Und so gerade - sehr stylisch, sieht total gut aus!"
"...ich habe Krebs."
"Oijoijoi... oh gott ... aaargh!"
Großer Bloguator™ beschämt ab. Der Rest des Abends verschwimmt im Alkoholdunst...

18 März 2019

Test! TEST!

Während Der Große Bloguator™ wegen der Sonnensegel so mit den antiken Nähmaschinen herumprobiert, entstehen unter anderem irgendwelche Dinge ohne direkten Nutzen.

Beispielsweise das folgende Teil, welches eigentlich nur eine Verpackung aus Tuchresten für einen Korb mit Blumenzwiebeln werden sollte. Beim Einfach-immer-weiter-Nähen hat sich das Projekt verselbständigt.

Um angesichts der Nutzlosigkeit der Objekte dem Rechtfertigungsdruck aus dem Wege zu gehen, rangieren sie unter dem Codenamen →Kleine Kunstwerke.










16 März 2019

Zweite Kasse!

Wir liegen seit einiger Zeit im Gentrification Area. Unser Supermarkt ist klein und ein wenig verwinkelt. Es gibt zwei reguläre Kassen und eine Notkasse.

Die erste Kasse befindet sich direkt in der Sichtachse und Der Große Bloguator™ wählt diese Kasse meistens, weil davor in der Ecke auch die Chips liegen. Und weil es schneller geht.

Die andere Kasse ist nämlich die, wo immer die Cleverle hingehen. Sie wird zu Stoßzeiten besetzt¹ und mit den magischen Worten eröffnet: "Sie können auch zu mir kommen…"

Dann stürmen die aufmerksamen Cleverle aus der bestehenden Schlange los und bilden dort eine neue Schlange, weil sie sicher sind, dass es dort ja "schneller geht". Würde es vielleicht auch - wenn da nicht die ganzen Cleverkunden wären.

Nahezu jeder von ihnen möchte "mit Karte!" zahlen. Das Cleverle begreift aber erst, dass er am Ende bezahlen muss, wenn der Kassenmensch den Preis gesagt hat und eine gewisse Pause eingetreten ist. Regelmäßig erst dann beginnt der Cleverkunde, dem es vorher gar nicht schnell genug gehen konnte, seine Karte umständlich hervorzukramen.

Ein Teil der Karten erfordert eine Unterschrift. Man braucht dafür beide Hände und in dieser Zeit weiß der Kartenkunde nicht, wohin mit der offenen Geldbörse, die er in der einen Hand hält. Frauen ergänzen den Balanceakt gerne noch durch eine Handtasche über dem anderen Unterarm.

Andere Karten erfordern eine Geheimzahl, aber keineswegs jeder der aufmerksamen Cleverkunden kann eine vierstellige Zahl sicher reproduzieren.

Außerdem hat mindestens jeder zweite noch eine abwegige Frage, einen Sonderwunsch, oder mit sicherer Hand nach der einen Ware im Regal ohne Etikett und Barcode gegriffen.

Die zweite Kasse in unserem kleinen Supermarkt ist sozusagen ein Sieb, das zuverlässig die Trottel des Kiezes herausfiltert.

Wenn die magischen Worte ertönen, "Sie können auch zu mir kommen…" verteidigt Der Große Bloguator™ seinen Platz in der ursprünglichen Schlange und verfolgt kopfschüttelnd das würdelose Schauspiel.

Das andere Sieb mit ähnlichem Effekt ist übrigens der kleine Bio-Supermarkt gegenüber.



¹ ja, sie tun das seit langer Zeit freiwillig, wenn sich ein Stau vor der Kasse bildet. Das mit Kreissägenstimme vorgetragene "ZWEITEKASSEAUFMACHENBITTE!" kommt hier im Laden nicht vor und wurde nur als Teaser im Titel missbraucht

05 März 2019

Abwegige Umwege

Ich fasse es nicht! LibreOffice erstellt in der derzeitigen Version 6.2 Inhalts­ver­zeichnisse immer schreibgeschützt. Man muss die Verzeichnisse eigentlich immer von Hand anpassen, aber den Schutz kann man nicht einfach aufheben¹.

Also, man kann schon, aber auf einem dermaßen abseitigen Umweg, dass kein geistig gesunder Mensch drauf kommt (jetzt, liebe Leserschaft, ratet einmal, warum Der Große Bloguator™ es trotzdem herausgefunden hat).

Die Lösung ist folgende:
Man markiert das Verzeichnis. Dann fügt man einen Bereich ein “Einfügen → Bereich”. Dort bekommt man das Angebot, den neuen Bereich zu schützen. Und genau deshalb lässt man den Haken bei Schreibschutz weg und macht zusätzlich einen Haken bei “editierbar in schreibgeschütztem Dokument”. Und voila! während sich vorher der Schreibschutz ums Verrecken nicht aufheben ließ, geht es jetzt reibungslos.

Und das, liebe Freunde, ist der Grund, warum niemand, der halbwegs bei Verstand ist, IT-Leute ernst nimmt².


In der Abbildung wird der Vorgang zu Demonstrationszwecken wiederholt, der neue Bereich hat deshalb die Nummer 2. Den hierfür bereits eingefügten Bereich 1  finde ich anschließend übrigens nicht wieder.

… short time after …
… kurze Zeit später …

So weit war diese freudlose Predigt also fertiggestellt, als das Ärgernis mit dem schreibgeschützten Verzeichnis auch bei älteren Dokumenten plötzlich nicht mehr auftritt. Eigentlich sehr schön. Der Weg zur Beseitigung war aber jedenfalls definitiv nicht der, der in der offiziellen Hilfe jedweder Office-Version beschrieben wird. Wer verzweifelt ist, kann es ja einmal so versuchen.





¹ die Lösung in vorangegangenen Versionen war übrigens → Extras → Optionen → LibreOffice Writer → Formatierungshilfen → Geschützte Bereiche → bearbeitbar machen
² vergleiche auch hier

06 Februar 2019

Neunzehnhundertsiebenundsiebzig

1977 - woran ich mich erinnere

Ich erinnere mich, wie ich 1977 als Jugendlicher aus der abgelegenen Kleinstadt nach Berlin kam. Meine Mitschüler trugen Bluejeans* und hörten Procol Harum und Deep Purple. Beide Bands waren zu diesem Zeitpunkt bereits eine Weile vorbei.

Ich™ trug rückständige Kleinstadtklamotten, hörte abwechselnd Klassik, Punk, Mike Oldfield sowie völlig unerträglichen Krach. Dazwischen auch Kraftwerk und kurze Zeit später La Düsseldorf.

Ich kam nicht nur aus der Provinz, ich sah auch aus wie ein Landei, in meinen gebügelten Hosen, die Themen meiner Mitschüler kreisten unterdessen um den Unterschied zwischen Levis und Wranglers.

"Die unterhalten sich hier über Markenklamotten" ging es mir durch den Kopf und ich wollte meine Ausreise beantragen. Aus West-Berlin, oder wenigstens aus dieser Schule.

Meine Mitschüler hielten mich für den Spießer. Ich sah ja auch so aus. Witzigerweise beruhte das auf Gegenseitigkeit. Irgendwann ging die Schulzeit dann zu Ende, gottseidank. Aufatmen, nicht weil sie schmerzhaft war, sondern langweilig. Eher schmerzhaft langweilig.

Von den meisten meiner Mitschüler habe ich nie wieder etwas gehört. Aber einer wurde Bezirksbürgermeister für die SPD, ein anderer berät heute ebenfalls die SPD und sogar den regierenden Bürgermeister. Der, der später stadtbekannter Radiomoderator wurde, war an dieser Schule genau so ein Außerirdischer wie ich.

Im Berliner Stadtzusammenhang hatte unser Gymnasium übrigens einen Ruf als sehr solides Ausbildungsinstitut. Über heute weiß ich nichts, aber wenn man früher seinen Namen nannte, erntete man immer Anerkennung und Hochachtung. Die Schule vergab so schlechte Noten, dass aus meinem Jahrgang von sechzig braven Schülern kein einziger Medizin studieren konnte.

Mehr als drei Jahrzehnte später erfuhr ich dann, dass La Düsseldorf zur deutschen Avantgarde gehört hatte und wegen Erfolglosigkeit den Betrieb irgendwann auslaufen ließ. An mir lag es ja nicht.




* und zwar in der aus ihrer Sicht einzigen zulässigen Farbe Blau. Ich habe seither nie wieder eine blaue Baumwollhose angezogen

03 Februar 2019

Berichte aus der Gegenwart

Das neue smarte Fon hat UKW-Radio, Der Große Bloguator™ schätzt so etwas. Es stammt von der Firma LG und ist insgesamt großartig.

Die mitgelieferten Ohrhörer jedoch sind ursächlich scheiße. Sie sind zu groß für menschliche Ohren und rutschen ständig heraus. Sie lassen sich auch nicht anpassen.  Muss man erst einmal schaffen: Etwas dermaßen unbrauchbares in die Welt zu setzen.

Für den Radioempfang benötigt man kabelgebundene Hörer, weil das Kabel als Antenne dient.

Das alte smarte Fon kam von der Firma Sony. Es besaß ebenfalls UKW-Radio und unscheinbare, aber sehr taugliche Ohrstöpsel. Herr und Frau Sony können das, immer schon. Oder sie wissen jedenfalls, dass einige Kunden ein Radio auch benutzen wollen, wenn es denn eins gibt.

Doch selbstverständlich funktionieren die Hörer vom SONY-Fon nicht am LG-Fon. SELBSTVERSTÄNDLICH NICHT! Auch wenn der genormte Stecker das irgendwie nahe zu legen scheint.

Der kluge Kaufmann weiß: "Der Kunde muss um Gottes Willen unser untaugliches Zeug kaufen! Oder gar nichts!" Dem klugen Kaufmann ist nämlich völlig gleichgültig, ob der Kunde zufrieden ist. Und über den Sinn von genormten Steckern denkt er nur nach, wenn er die Konkurrenz deswegen verklagen kann.

Das Nichtfunktionieren besteht übrigens darin, dass bei den nichtoriginalen Ohrhörern bestimmte Frequenzen herausgefiltert werden. Da werkelt wohl einfach eine Software, die für NoiseReduction oder GeräuschCancelling oder irgend solchen Quatsch sorgen soll. Man kann sie natürlich nicht konfigurieren.

Also zieht der Große Bloguator los, um geeignete Ohrstöpsel zu erwerben. 

Das Angebot ist ebenso riesig wie das der smarten Fone. Der Umstand, dass nicht alle gleich funktionieren, müsste den Leuten, die sich täglich damit beschäftigen, eigentlich bekannt sein, glaubt man so. Nur findet sich nichts davon auf der Produktbeschreibung. Einig sind sich alle nur über iPhone *und* Android. 

Deshalb wissen es auch die Fachverkäufer nicht. Wer herausfinden will, ob es funktioniert, muss solche Ohrstöpsel kaufen und ausprobieren. 

Es ist überraschend, aber in der Packung liegt keine Gebrauchsanweisung. In unserer Gegenwart werden Gebrauchsanweisungen für die trivialsten Gegenstände verfasst und beigelegt. Gerade für Ohrhörer, die man nur an die einzige vorhandene Buchse anstecken muss, wäre demnach eine umfangreiche Gebrauchsanweisung zu erwarten. 

Aber! Immerhin! Es gibt Sicherheitshinweise! Na klar, was denn sonst!

Sie befinden sich - TUSCH! - auf der Innenseite der verklebten Packung. Heißt: Wer sie wirklich lesen wollte, muss zuerst die Packung zerstören.

Doch doch, Aufreißen fällt unter Zerstören.

Nur muss das allen entgangen sein, die beim Design- und Marketing-Prozess mit dieser Verpackung zu tun hatten. Das wäre *Bildungsnotstand* und nicht ungewöhnlich in unserer Gegenwart: Die Entscheidungsträger - Abitur, Hochschulabschluss - sind nicht in der Lage, den Zweck einer einfachen Maßnahme zu erkennen.

Oder es wäre nicht allen entgangen. "Sicherheitshinweise auf der Innenseite vom Karton? Sind sie wahnsinnig?"
"Aber sonst liest es doch jeder!"
"Was? Und?"
"Und dann kaufen es die Leute vielleicht nicht. Oder sie laufen das Produkt von der Konkurrenz, wo nichts drauf steht."
"Aha. Na dann."


Das wäre wohl Täuschung, wenn die Zuständigen offensichtlich gar nicht wolllen, dass irgendjemand das liest. Aber in unserer Gegenwart stört sich kaum jemand noch daran.



22 Januar 2019

Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft

Untote Grafen (2.2)

Fortsetzung


"Auf ihr ... ähm ... Wohl? Sagt man das so?"

"Wieso?"

"Unter Unsterblichen?"

"Aber natürlich. Nun, was wollten sie von mir wissen?"

"Das wissen sie doch sehr genau, wenn sie die ganze Zeit meine Gedanken lesen."

"Ich dachte, es macht ihnen ein warmes Gefühl, wenn sie es selbst aussprechen können. Irgendwie Autonomie, Selbstbestimmung."

"Ja, Herr Graf, schon gut, sie müssen mich nicht demütigen. Ich habe es einfach sehr selten mit Halluzinationen zu tun, die meine Weinvorräte leeren und ansonsten über völlig übernatürliche Kräfte verfügen."

"Gut. Also, was sie gerade fragen wollten: Ich bin hier, weil mein Chef mich nicht irgendwo anders hin geschickt hat. Ich will es nicht 'Aufgabe' nennen. Viele meiner Aufträge sind aus meiner Sicht völlig sinnlos. Sie erschließen sich meiner Logik nicht. Da aber mein Chef so viel mächtiger ist als ich, komme ich zu der Annahme, dass es vielleicht an meiner mangelnden Auffassungsgabe liegt."

"Wie sieht ihr Chef denn aus?"

"Das kann ich nicht beschreiben. Häufig sehe ich ihn gar nicht. Er hinterlässt mir zuweilen Botschaften auf Zetteln, etwa an der Kühlschranktür. Da hing nicht zufällig ein Zettel an ihrem Kühlschrank?"

"Der Ingenieur hatte Putzdienst. Er hat heute morgen die Küche desinfiziert, da ist kein Krümelchen mehr, schon gar keine Zettel am Kühlschrank. Ich staune, dass wir überhaupt noch eine Kühlschranktür haben."

"Also nicht. Hm."

"Und sonst?"

"Ach so, ja, die Gestalt meines Chefs ist, wie es ihm gerade gefällt. Er ist mir schon als sprechende Ziege entgegengetreten. Und als leise stöhnender Geysir."

"Und warum?"

"Ich weiß es nicht. Er hat wohl seine Gründe. Sie übersteigen meine Erkenntnisfähigkeit. Ich tröste mich damit, dass ich mir einrede, er täte es einfach aus Langeweile."

"Das tröstet sie?"

"Nun, stellen sie sich vor: Er ist die mächtigste Wesenheit im gesamten Universum. Er hat alles. Er kann alles. Er ist allwissend. Er ist allmächtig. Und dennoch ist ihm langweilig. Tröstet sie das nicht?"

"Naja... schon. Aber, wenn sie mal nicht wollen?"

"Ob ich versucht habe, abzuhauen?"

"Ja."

"Nun, stellen sie sich vor: Er ist die mächtigste Wesenheit im gesamten Universum. Er hat alles. Er kann alles. Er ist allwissend. Er ist allmächtig. Und ich versuche, abzuhauen."

"Und?"

"Dass er mich auf eine Sonne geschickt hat, war noch harmlos. Mein Gewand ist verbrannt, nach einer Weile erwachte ich wieder, nackt, aus einer Ohnmacht, auf irgendeinem gottverlassenen … ha, ha … Planeten. Dort war es kalt und ich musste mich um Kleidung kümmern. Ich weiß nicht, wie viele Generationen nach ihrer Zeitrechnung das gedauert hätte. Hat."

"Hätte hat?"

"Genau. Ich weiß es nicht. Ich reise übrigens auch in der Zeit umher. Und es ist nicht im geringsten aufregend."

"Nicht?"

"Manchmal keine Menschen. Oft keine Lebewesen. Zuweilen keine Vegetation. Mitunter nicht einmal ein Planet."

"Das geht?"

"Wenn sie untot sind, ja."

"Und wie ist das so?"

"Ich schiebe Asteroiden hin und her, drücke mich von einem ab, versuche, Kollisionen hervorzurufen."

"Billard im ganz großen Rahmen!

"Eher so mittellustig. Manchmal sind da auch keine Asteroiden. Nur die weite dunkle Stille. In jeder Richtung ein paar Lichtjahre weit Nichts."

"Oha, das klingt öde!"

"Ein paarmal hatte ich die Nase voll. Ich bin in einen Vulkan gesprungen. Das war noch vor der Sonne. Die Lava hörte auf, zu kochen, ich hatte am Ende einen Steinklumpen am Bein. Nach der Erfindung der Schusswaffen auf ihrer Erde habe ich es damit versucht. Großes Kaliber, gegen die Schläfe, mitten durchs Gehirn. Hat eine Weile geblutet. Irgendwann hörte es auf. Ich hatte schreckliche Kopfschmerzen."

"Es muss doch irgendeine Methode geben?"

"Ja, danke für ihre Fürsorge! Das dachte ich auch. Ich war so verzweifelt, ich habe mich in einen großen Holzschredder gestürzt. Das sollte doch wirklich genügen - könnte man meinen. Der Matsch der dabei herauskam, muss eine schreckliche Schweinerei gewesen sein. Am Ende versammelten sich alle meine Einzelteile und Moleküle, so als seien sie magnetisch, und ich wurde wieder zusammengesetzt. Sogar mit Kleidung diesmal. Das war der Moment, in dem der Chef mir als sprechende Ziege gegenübertrat."

"ER? Sie wissen, dass er männlich ist?"

"Nur so eine Gewohnheit. Könnte auch eine Frau sein. Nach ihren irdischen Begriffen. Der Vergleich mit jedweder menschlichen Erscheinungsform ist unzutreffend. Es ist ja nicht so, dass Männer weniger zickig wären. Ha, ha, Ziege!"

"Und? Was hat er gesagt?"

"Nichts von Belang. Irgendetwas triviales. Er weiß, dass er mich damit zum Wahnsinn treibt. Eine Ziege, die sich bedeutungsvoll räuspert und etwas sagt wie 'Hast du immer noch nicht genug?' oder so ähnlich. Ich brauche ihn nicht zu fragen, was das soll. Er antwortet nicht. Jedenfalls nichts vernünftiges. Er ist wie ein Kind, das mich als Spielzeug benutzt."

"Selbstmitleid beim Adel, ja?"

"Auf der Erde wäre ich in ihrer Zeit der mächtigste Mensch der ganzen Welt! Ich bin nur deshalb ein untoter Graf, weil er es so will. Ich weiß nicht, warum, ich weiß nicht, wie lange. Ich kann mir nur einreden, dass er vielleicht irgendwann genug von mir hat."

"Sehr bedauerlich!"

"So ist es. Die andere Flasche Chardonnay - könnten sie die jetzt holen?


20 Januar 2019

Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft

Untote Grafen (2.1)


“Oh, nein, Herr Graf! Da sprechen wir eben noch von ihnen - was machen sie denn hier?"

"Sie wissen doch, wie leicht es ohnehin ist, ihre Gedanken zu lesen - auf diesem leeren Planeten sind sie kaum zu überhören."

"Und deshalb besuchen sie uns wieder?"

"Sie haben ihren fantastischen Chardonnay erwähnt. Da ich mich gerne daran erinnere, dachte ich, dass ich sie einmal aufsuchen müsste."

"Warum sind sie überhaupt noch hier?"

"Weil ich nicht fort bin."

"Und warum sind sie noch nicht fort?"

"Sie sind aber neugierig! Dafür, dass sie mich zur Halluzination erklärt haben, wollen sie überraschend viel wissen!"

"Ich bin am Wohlergehen meiner Halluzinationen nun einmal sehr interessiert."

"Das freut mich. Also, wegen ihres Chardonnay ...?"

"Ich habe zur Zeit nur zwei Flaschen, muss erst wieder neuen erzeugen lassen, aber das braucht seine Zeit."

"Kalt?"

"Selbstverständlich!"

"Holen sie sie. Dann erzähle ich.”

"Na schön. Kann aber einen Moment dauern."

"Wer ist denn hier neugierig - sie oder ich? Ich werde es mir so lange im Korbsessel auf der Terrasse des Raumschiffs bequem machen, während sie da drin verschwinden...

... Käpt'n, was tun sie da? Nein, im Keller ist der Wein nicht! Er befindet sich ganz hinten im Kühlschrank, haben sie das vergessen?"

"Ja, habe ich wohl. Aber sie wissen es?"

"Natürlich, ich kann ihre Gedanken lesen."

"Selbst die vergessenen?"

"Ist kein so großer Unterschied. Die, an die sie sich selbst irgendwann wieder erinnern können, kann ich selbstverständlich ebenfalls lesen."

"Und die verdrängten?"

"Das hängt von der Verdrängungstechnik ab."

"Wovon?"

"Davon, mit welcher Technik sie verdrängt haben."

"Es gibt verschiedene Techniken?"

"Das müssten SIE doch am besten wissen. SIE verdrängen doch! Überschreiben mit angenehmeren. Schockieren. Drogen. Körperliche Verausgabung."

"Äh, ja, danke, so verdränge ich wohl."

"Der Wein steht in der Küche, wie gesagt, ganz hinten im großen Kühlschrank.

Aus der Küche hörte man Klappern und Räumen. Dann leises Klirren.

"Also Käpt'n, hören sie, nicht die billigen Gläser, das ist stillos! Nehmen sie gefälligst die guten!"

"Aber Herr Graf, sie wissen doch dann ebenso gut wie ich, wie schlecht man da rankommt!"

"Diese billigen Pressgläser sind stillos! Strengen sie sich gefälligst an! Es ist IHR hervorragender Chardonnay! Das hat er nicht verdient!"

Leises Stöhnen aus der Küche. Nach einer Weile tauchte der Käpt'n mit einem Tablett wieder auf, darauf zwei Kristallkelche und eine Karaffe mit dem Wein.

“Verzeihung, ich musste ihn umfüllen. Wenn er aus dem Erzeuger kommt, bewahren wir in in praktischen Universalgefäßen auf, aber die sind sehr unansehnlich."

"Na, sehen sie Käpt'n, es geht doch! Vielen Dank, cheers!"


to be continued

11 Januar 2019

Die reine Größe

Wenn ich sehr große Frauen sehe, bemerke ich häufig einen irgendwie melancholischen Blick. Und eine Körperhaltung, die den Wunsch auszudrücken scheint, dass sie lieber ganz unauffällig sein wollten. Unauffälliger, als sie mit ihrer überdurchschnittlichen Größe sind. Sie versuchen, sich einzufalten. 98 Prozent dieser Gruppe laufen in ostentativ flachen Schuhen herum. Die Schuhe drücken nur eins aus: Ich will kleiner sein - nicht bequem laufen.

Ich - Der Große Bloguator™ - bin auch ein wenig größer als der Durch­schnitts­deutsche. Aber Jungs werden nie auf Körpergröße angesprochen, und wenn, dann nicht im negativen Sinn, sondern schlimmstenfalls neutral, aber meistens ermutigend

In Bezug auf Mädchen klingelt mir irgendwie der Spruch einer alten Frau im Ohr “Das ist ja gar nicht schön, wenn Mädchen so groß sind!” und nie nie nie antwortet eine “Ja Oma, ich werde gleich etwas dagegen tun.”

Mädchen wurde lange Zeit Unzulänglichkeit eingeredet. Für seine Körpermerkmale kann ja niemand was¹. Das ist ungerecht und eine Plage.




¹ ja, über schlechte Ernährungsgewohnheiten kann man streiten

06 Januar 2019

Ferne Welten - Galaktische Römer


Wir befinden uns in nicht allzu ferner Zukunft, auf einem Planeten, den die ersten Besucher von der Erde "Frankensteins Zoo" getauft haben. Das hat mit den Eigenheiten des Planeten zu tun, die nicht in allen Punkten den menschlichen Erwartungen entsprechen. 

Die ersten Besucher von der Erde sind eine dreiköpfige Raumschiffbesatzung, bestehend aus dem Kapitän, dem Arzt und einem Ingenieur, der nicht spricht. Ein riesiger Schleimpilz wandert, liest Gedanken und formt mit seinem flexiblen Fruchtkörper zuweilen die vorgefundenen Phantasiebilder eins zu eins nach, ein unheimlicher Pantomime.

Im Zuge der ersten relativistischen Reise ist den ersten relativistischen Reisenden inzwischen völlig unklar, ob dieser Planet und sein Sonnensystem nun hundertzwölf oder tausendzwölf Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Oder irgendeine beliebige andere unüberwindliche Entfernung. Sie werden von Heimweh, Sehnsucht und einer gewissen schöpferischen Unruhe heimgesucht. Manchmal ist ihnen langweilig.


"Schon komisch, dass wir so weit draußen noch niemanden getroffen haben, was Käpt'n?"

"Wir haben den untoten Grafen getroffen."

"Der zählt nicht!"

"Wieso soll der nicht zählen?"

"Der war eine Halluzination!"

"Ihre Halluzination hätte sie in Einzelteile zerlegt und gegessen, wenn ich ihn nicht besänftigt hätte!"

"Glauben sie."

"Ja, glaube ich. Na gut, einigen wir uns auf ‘sehr eindrucksvolle Halluzination’. Mal sehen, wann uns die Halluzination wieder besucht und meinen Chardonnay wegtrinkt."

"Aber sonst, warum ist denn hier niemand?"

"Wen wollten sie denn treffen, hier auf Frankensteins Zoo?"

"Na, so wie uns muss es doch auch andere Zivilisationen geben, die intergalaktisch reisen können? Oder meinetwegen auch nur galaktisch."

"Muss es?"

"Nun, einfach wegen der Wahrscheinlichkeit. Eine Galaxie mit Milliarden von Sternen. Jeder zehnte oder so hat Planeten, aber dafür immer mehrere. Selbst wenn die Entstehung von Leben auf vielen Zufällen beruht - bei Milliarden von Möglichkeiten muss es doch wenigstens ein paar geben, die zufällig genauso weit gekommen sind, wie wir?"

"Aber wir sind doch nicht weit gekommen. Drei hilflose Gestalten, von denen einer nicht spricht, haben die Entfernung von hundert Lichtjahren überwunden."

"Oder tausend..."

"Ja, ja, ja, schon gut! Ich weiß es nicht genau! Sie müssen mich nicht ständig wieder darauf hinweisen!"

"Nun, sehen sie mal, Käpt'n: Selbst wenn wir heute noch hilflos umher irren, wird das in ein paar hundert Jahren ganz anders sein. Die Menschheit wird sich entwickelt haben, viel weiter sein, wird in der Lage sein, viel größere Entfernungen zu überwinden. Und vielleicht werden die Raumfahrer dann sogar bestimmen können, wo sie gerade sind."

"Ich habe sehr genau bestimmt, wo wir gerade sind! ABER WIR SOLLTEN HIER NICHT SEIN!"

"Aber hier ist es doch ganz schön? Ich wundere mich doch nur darüber, das wir allein sind. "

"Bis auf den..."

"JA! BIS AUF DEN GRAFEN! Ich meine: Warum ist hier niemand außer uns? Die anderen müssen den Planeten doch gesehen haben. Die müssen doch auch Forscher haben. Und Eroberer!"

"Sie erwarten ein galaktisches römisches Reich, was?"

"Wieso römisches Reich?"

"Die Römer waren die am besten organisierte Zivilisation ihrer Zeit. Zivilisationen gab es zu diesem Zeitpunkt schon viele. Viele  kannten sich untereinander sogar, Phönizier, Griechen, Inder, Karthager, Ägypter. Aber die Römer waren in der Lage, die anderen zu erobern und niederzuwerfen. Das ging nur mit einer fantastischen, aber beängstigend destruktiven Organisation."

"Worauf wollen sie hinaus?"

"Darauf, dass ich Angst habe, die galaktischen Römer zu treffen. Eine außerirdische Zivilisation, die technologisch noch weiter ist als wir, aber intellektuell und moralisch unterhalb der Stufe von Kannibalenstämmen steht. Und die dann ein galaktisches römisches Reich errichtet."

"Jeder römische Bürger konnte sich in den Grenzen des Reiches frei bewegen!"

"Aber nicht jeder Mensch in den Grenzen des Reiches war römischer Bürger. Viele waren Sklaven. Und ebenso viele waren schlicht Beutegut, eine Hemmnis bei der Eroberung der benachbarten Länder."

"Na, na..."

"Julius Cäsar brüstete sich sogar damit, dass er die halbe Bevölkerung des von ihm eroberten Gallien niedergemetzelt hatte, und die andere Hälfte in die Sklaverei geführt. Er schickte stolz Listen darüber nach Hause. Das war nur möglich, weil die Römer technologisch fortschrittlich waren, sowie sehr gut organisiert. Und skrupellos."

"Als Eroberer muss man doch skrupellos sein. Sie wollten eben ein bequemes Leben auf Kosten der anderen."

"Die Idee von der Eroberung, von dem immer weiteren Wachstum, hatte sich aber völlig verselbständigt. Sie hätten auch bequem auf Kosten der anderen leben können, ohne das Reich immer noch weiter auszudehnen. Ihnen war egal, *warum* sie die Welt erobern sollten, und was dabei alles zerstört würde."

"Mag schon sein. Müssen wir die Römer jetzt noch verurteilen? Immerhin sind sie tot."

"Aber diese Idee nicht! Jetzt stellen wir uns einen solchen Charakter im galaktischen Maßstab vor."

"Nein, das ist doch ganz anders! Eine barbarische Zivilisation entwickelt sich doch gar nicht so weit!"

"Na klar doch, selbstverständlich. Alle alten großen Weltreiche gründeten auf der reinen Barbarei: Der Kaiser Chin, die Mongolen, die Amerikaner. Einige haben es versucht, aber die technologische Führung genügte nicht, wenn sie nicht ausreichend organisiert waren."

"Welche sollten das sein?"

"Beispielsweise die Deutschen zur Zeit der Hunnen. Also, ich meine zur Zeit der Nazis. Die wollten sich die ganze Welt untertan machen. Technologisch waren sie führend in der Welt. In ihrem Überlegenheitswahn auch. Wurden aber von unterentwickelten Völkern zurückgeschlagen, die wussten, worauf es wirklich ankommt. Bis dahin hatten sie ebenfalls Millionen wehrloser Menschen umgebracht - wie viel verschwendetes Potential!"

"So, so."

"Ja, ich finde auch, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass da draußen außer uns noch andere sind. Und deshalb bin ich froh, wenn wir weder die galaktischen Römer noch die galaktischen Deutschen treffen, die gnadenlos ein Reich über die halbe Galaxis errichten. Und den untoten Grafen haken wir vorläufig unter Halluzination ab. Bis er mir wieder meinen Chardonnay wegtrinkt.”

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