17 August 2006

Erwerb von Gütern

neuhochdeutsch: Shopping

Heute war ich Einkaufen¹. Schuhe. Nebenan an der Kasse entspinnt sich der bekannte Dialog:

"Hach, da ist ja gar kein Preis dran!"
"Ja."
"Ach, die kosten nichts! Die nehme ich! Ha ha!"
"Ja."

Zuerst mal denkt man sich: Was muss das für ein Scheißjob sein, wenn man sowas täglich hört. Und jeder glaubt, das sei ein origineller Witz. Nicht wahr? Der ist doch witzig, nicht? Und SO originell! Tausend mal am Tag. Sechs Tage die Woche. 48 Wochen im Jahr. Und im Urlaub träumt man bestimmt davon. Ha ha. Da möchte man nicht Schuhverkäufer sein.

Aber dann, wenige Meter weiter: Schiere Wut! Weißglut! Verzweiflung!

In den Schuhen werden ja vor dem Verkaufen die Schnürsenkel² provisorisch eingezogen. Bisher deutete ich das immer so: Da will sich halt niemand Arbeit mit machen, aber sie sollen trotzdem nicht lose rumliegen. Das wäre soweit okay. Wenn man sie beim Anprobieren unbedingt zuschnüren will, muss man das halt selber machen. Gefällt mir nicht, ist aber unter den kapitalistisch-ausbeuterischen Produktionsbedingungen wohl so.
Aber! Dieses Einfädeln in die ersten drei Löcher wird noch vor dem Verpacken gemacht. Heißt: Im Herstellerland in Südostasien haben sie wohl einen Spezialisten dafür. Eine Fachkraft, die für einen Euro weniger als gar nichts den ganzen Tag nur Schnürsenkel einfädelt, immer die ersten drei Löcher. ICH muss sie dann jedesmal komplett wieder rausziehen, weil mir das schon bisher nie gepasst hat, und weil es bisher schon immer unpraktisch eingefädelt war.

Aber heute habe ich den absoluten Höhepunkt erlebt und dachte so bei mir: Wer DAS getan hat, hat keinen anderen Job verdient! Und ein Euro weniger als gar nichts ist noch zu gut bezahlt dafür!

Schiere Wut! Weißglut! Verzweiflung!

Die Profi-Schnürsenkeleinfädel-Fachkraft hat es geschafft, den Senkel auf die unvorstellbar unbrauchbarste Weise der Welt einzufädeln. Ich würde da noch nicht mal drauf kommen, wenn ich lange drüber nachdenke: Das eine Ende von unten nach oben einmal komplett durchzufädeln (immer oben von rechts nach links, und unten dann diagonal eins weiter nach oben), aber das andere Ende gleich am untersten Loch rauskommen zu lassen.


(Abb. ähnlich)

Damit kann man GENAU GAR NICHTS anfangen: Man kann den Schuh so ganz bestimmt nicht zuschnüren. Aber wenn man den Schnürsenkel beim Anprobieren richtig einziehen will, muss man ihn überhaupt erstmal komplett aus allen zwölf Löchern ausfädeln. Und hier sind ziemlich viele Schuhe so.

...? ...? ...! ARSCHLOCH! SAU! SAU! SCHWEINESAU! ARSCHLOCH! ARSCH! ARSCH! SACK! ARSCHLOCH! So jemand hat nichts anderes verdient als sein Leben lang Schnürsenkel einzufädeln!

(jaja, bei genauem Hinsehen sind natürlich verschiedene Konstellationen vorstellbar, unter denen man vielleicht etwas Nachsicht walten lassen könnte: Kinderarbeiter in irgendeiner Bangladeshischen Fabrik irgendwo tief im flachen Hinterland von Bangladesh, unter der Knute eines harten, aber ungerechten Vorarbeiters, der sie bis zum letzten auspresst und mutwillig sinnlose Dinge von ihnen verlangt. Sowas ist nicht nur vorstellbar, sowas gibt es wahrscheinlich tatsächlich, und gar nicht mal selten. Aber das da oben ist jedenfalls die ungefilterte Wiedergabe meines Gedankenflusses beim Anprobieren der Schuhe)



¹ Ja, wohl. Leidtutet mir. Ich sage noch echt altdeutsch EINKAUFEN dazu
² dafür haben sie wohl keinen zeitgemäß-stylishen Begriff in der aktuellen Jugendkultur, was? "Schnürsenkel" - das staubt sogar schon beim drüberlesen.

Kommentare:

Äintschie hat gesagt…

Entweder Du kaufst Dir nur noch Schuhe mit Klettverschlüssen oder - wo wir gerade bei Billigjobs sind - beschäftige doch einen Shoe-Shopping-Shoelaces-Untangler auf Ein-Euro-Basis.

<°((( ~~ hat gesagt…

Mein Gott! Wo hast Du DIESE Wörter nachgeschlagen?

Ich hätte schon nach shoelaces lange im dict.leo.org herumwühlen müssen... aber untangler!

Ansonsten findet der Vorschlag mein Wohlwollen: Kriegt man solche Leute beim Arbeitsamt?

<°((( ~~ hat gesagt…

LEO sagt übrigens:

to untangle      [fig.] entwirren
to untangle      jmdn. aus einer schwierigen Lage befreien

Ja, so jemanden hätte ich gerne.

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