19 September 2016

Sehvermögen

Meine Urgroßmutter quälte mich über zwanzig Jahre lang mit ihrem Gejammer über “Das schlechte Sehen!” Sie ist sehr alt geworden, aber man konnte sie nicht fragen, wie es ihr geht - sonst fehlte ihr kaum was, und die Standardantwort war stets “Das schlechte Sehen!” Die ganze Familie war von dieser Tirade ziemlich genervt.

Wir konnten nicht einmal antworten, dass wir das ja schon wissen, und dass wir auch nicht glauben, dass es sich inzwischen wieder gebessert hat. Natürlich konnten wir so antworten - aber inzwischen hörte sie auch schlecht. Über das schlechte Hören hat sie nie annähernd so geklagt wie über “Das Schlechte Sehen”. Familienintern ging das Bonmot, dass sie “ohnehin nur hört, was sie hören will!”

Nun, die Sache mit dem selektiven Hörvermögen ist ein verbreitetes Phänomen, auch außerhalb unserer Familie. Aber seit einiger Zeit habe ich selbst begonnen, sehr schlecht zu sehen. Allerdings weigere ich mich, darin eine Art Strafe für mein damaliges Genervtsein zu sehen, nur mit dreißigjähriger Verzögerung.

Ich möchte hier also nur in aller Bescheidenheit kurz darauf hinweisen:

ICH LEIDE STILL!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aha, du gehst also auf die 50 zu. ;)

Mir hat man damals gesagt "Sie sind 50, da ist das normal." Und nicht nur beim Optiker...

frater mosses von lobdenberg hat gesagt…

ICH AUCH!!!!!!!!!111ölf¡¡¡¡¡

100 Goldfischli hat gesagt…

Nee nee nee, ich geh nicht mehr auf die fünfzig zu - ich bin bereits ein ganzes Sück dran vorbei!

Die Zahlenangaben sind zum besseren Verständnis großzügig gerundet. Außerdem nervte die Großmutter mich in den ersten vier Lebensjahren kaum. Ob das nun daran lag, dass ich sie noch nicht so gut verstand, oder dass ihr Sehen noch nicht ganz so schlecht war kann ich heute nicht mehr sagen. Ich werde Zeitzeugen befragen.

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