15 Januar 2009

Da haben Sie wohl nicht richtig gelüftet!

Schimmeltirade, 1. Teil


Für den Anfang ein Gleichnis. Gleichnisse sind immer gut, das steht schon in der Bibel.

Nur mal angenommen: Weil leichtere Autos weniger Treibstoff verbrauchen, produziert eine bekannte Autofirma einen revolutionären Wagen, der nur ein Drittel des üblichen Fahrzeuggewichtes hat, zu einem akzeptablen Preis. Ein Mann kauft so ein Auto und fährt los. Schon beim nächsten Kanaldeckel bricht das Auto auseinander. Der Mann läuft zurück zum Verkäufer und beschwert sich. Der Verkäufer aber:
„Jahaa, Sie hätten selbstverständlich nur Schritt-Tempo fahren dürfen, so leicht wie der Wagen ist. Das weiß doch jeder! Steht sogar in der Betriebsbeschreibung, Seite 237, unten!"

"Wenn ich Schritt-Tempo fahren muss, kann ich auch laufen. Was soll ich da mit einem Auto?"

"Sie wollten den Wagen ja unbedingt haben. Ich kann da nichts für Sie tun, wenn Sie so unangemessen schnell fahren.
Das finden Sie weit hergeholt oder abwegig?


I.
Wenn jemand Schimmel in seiner Wohnung findet und sich an den Verwalter wendet, ist das erste, was er dort zu hören bekommt:
"Da haben Sie wohl nicht richtig gelüftet!"
Hundertprozentig!

Wer mit dem Bau zu tun hat, kennt diese reflexhafte Antwort auf jedes Feuchteproblem.

Die Ursache der Schimmelbildung ist allgemein bekannt: Dauerhaft hohe Feuchtigkeit an einer zu kalten Bauteiloberfläche. Um diese zu vermeiden, scheint es ein Allheilmittel zu geben, nämlich das "richtige Lüften". Behaupten die Fachleute.

Nun ist auch schon seit längerem bekannt, wie "richtiges" Lüften durchzuführen ist. Das gilt als hinreichend erforscht: Es muß stoßgelüftet werden, Dauerlüftung durch gekippte Fenster gilt nicht. Zur Stoßlüftung sind mindestens zwei oder drei mal am Tag alle Fenster für fünf Minuten maximal weit zu öffnen. Nur fünf Minuten! Na, soviel Zeit werden Sie doch haben!

Wer sich das ausgedacht hat, hatte allerdings keine Zimmerpflanzen auf den Fensterbänken. Er kann auch keine Gardinen oder Jalousien besessen haben. Und vor den Fenstern stehen keine Möbel. In den meisten Forschungslaboren trifft das wohl zu.

Der Vorgang wird hier einmal vollständig beschrieben:

Sie stehen morgens auf, eigentlich müssen Sie zur Arbeit. Aber sie müssen ja noch lüften. An einige Fenster kommen sie nicht so gut ran, im Wohnzimmer etwa knien sie sich auf die Couch vor dem Fenster. Zuerst ziehen Sie alle Gardinen beiseite, dann räumen Sie die Pflanzen von allen Fensterbrettern und öffnen alle Fenster Ihrer Wohnung, das kann doch höchstens 20 Minuten brauchen. Sie lassen die Fenster fünf Minuten lang offen stehen, in denen Sie Zeit zum Duschen und Frühstücken haben. Dann schließen Sie alle Fenster wieder, stellen die Pflanzen wieder an ihren Platz und ziehen bei allen Fenstern die Gardinen vor. Wie lange hat dieser Vorgang wohl gedauert? Fünf Minuten? Sicher, zuzüglich der Zeit für das Öffnen und Schließen und das Beräumen der Fensterbretter.

Eigentlich sollen Sie ja möglichst dreimal am Tag stoßlüften, aber wenn das so lange dauert, müssen zweimal genügen. Am Abend vollführen Sie das ganze Schauspiel noch einmal. Mit etwas Übung brauchen Sie insgesamt kaum eine dreiviertel Stunde pro Lüftungsgang, am besten dreimal am Tag. Wenn sich jetzt zufällig doch irgendwo Schimmel bildet, z.B. im innen liegenden Bad, sagt Ihnen irgendein Baumensch garantiert "Da haben Sie wohl nicht richtig gelüftet!"

Findet das irgend jemand angemessen? In einer Epoche, in der Zeit das allerteuerste Gut ist, tun alle so, als sei diese Lüftungsprozession die selbstverständlichste Sache der Welt.

Wichtig ist der Begriff der Angemessenheit, denn dass es prinzipiell möglich ist, so zu lüften, steht außer Frage. Unbestritten ist aber auch, dass die sich häufenden Probleme mit Schimmelbildung dem besseren Dämmstandard unserer Zeit und den dichteren Fenstern entspringen. Dabei ist es grundsätzlich sinnvoll und richtig, Maßnahmen zur Energieeinsparung durchzuführen.

Dennoch: Das eingangs beschriebene Kraftfahrzeug würde niemand kaufen wollen, weil der Vorteil der Kraftstoffersparnis teuer erkauft wäre. So eine Wohnung würde kein Mieter oder Käufer haben wollen, wenn man ihm vorher sagte, dass er täglich eineinhalb Stunden mit Lüftungsarbeiten zubringen soll.

Er könnte natürlich auf Pflanzen, Gardinen, Sichtschutz und Möbel verzichten und die Wohnung trotzdem nehmen. Aber wie lautet die täglich praktizierte Lösung des Problems? Man sagt es dem Bewohner besser nicht so deutlich. Oder man sagt es deutlich und der Bewohner darf sich über Schimmel nicht beschweren, weil er nie beweisen könnte, dass er "richtig" gelüftet hat. Hat er wahrscheinlich ja auch nicht, weil das sinnvoll kaum geht. Aber selbst wenn hätte er den schwarzen Peter.

Natürlich gibt es schon lange die Möglichkeit, mit einer Lüftungsanlage die in der Abluft enthaltene Energie zurückzugewinnen, "aber was das wieder kostet!" Womit wir beim springenden Punkt wären - Wärmeschutz ist ja schön und gut, nur: Geld kosten darf er selbstverständlich nicht.

Die Kosten für dichte Fenster oder eine Wärmedämmung sind da gerade noch einzusehen, aber dann auch noch eine Lüftungsanlage, "das wird doch viel zu teuer!" Die Logik besteht also darin, lieber zu sparen, Schimmelbildung und Feuchteprobleme zu riskieren und den ehrlichen Mieter zu ärgern, als ein vernünftiges Lüftungssystem einzubauen.


Analog: Man kann ein Auto auch dadurch schadstoffarm machen, dass man eine Kartoffel in den Auspuff steckt.




Anm.:
Ich sollte mir diese Argumentation patentieren lassen, so originell ist die. Aber bei aller zwingenden Logik wird sie am Bau nicht auf viel Einsicht treffen.

Kommentare:

buchstaeblich hat gesagt…

Das Lüfteargument ist ein festes Reiz-Reaktions-Schema. Beweis:
Ich zog aus einer Wohnung aus, sprach noch einmal mit der Vermieterin, erwähnte, dass neben den anderen Umzugsgründen ja auch meine Allergie gegen Schimmel eine Rolle spiele.
Zack! Der Lüftespruch.

Doof nur, dass es der Schimmel in den Kellern des Hauses war, gegen den ich überhaupt nichts in der Hand hatte. Dessen Sporen aber fein den Weg ins Treppenhaus fanden, welches nicht zu benutzen auch der eifrigsten Mieterin nicht möglich war.

Nic. hat gesagt…

ähm, bei netto gibts jetzt schimmel-ex für 1,49. wer noch was abhaben will, sollte sich eilen, sind nur noch 9 flaschen da.

100 Goldfischli hat gesagt…

Argh!!! Wundermittel vom Pferdedoktor!!! Argh!!!

Wie man den Schimmel ext, kommt in der nächsten Folge. Aber richtig. Hab sie schon fertig.

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