13 April 2011

Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft


Heute: Grüne Flecken (2)


"Ich bin erfreut: Das ist jetzt schon das zweite mal, dass sie sich an meine Sprechzeiten halten, Käptn. Das wird vielleicht doch noch zur Gewohnheit?"

"Sie sind ein Pharisäer! Nur weil sie mir außerhalb der Sprechstunde das Ergebnis ihrer Untersuchung nicht mitteilen wollten! Sie werden mich nicht erziehen! Sie nicht!"

"Genau. Aber dennoch sitzen sie hier. Das finde ich schön und ermutigend. Und auch sehr motivierend."

"Das ist Erpressung! Nochmal mache ich das nicht mit! Sie erziehen mich nicht!"

"Sehr gut! Patient zeigt Verhalten im Rahmen des Üblichen. Sehr gut! Und ... wann wollten sie ihr Untersuchungsergebnis erfahren?"

"Jetzt! Sie haben jetzt Sprechstunde! Und sie haben einen Patienten!"

"Sehen sie - es geht doch."

"Sie erziehen mich nicht!"

"Sie erwähnten es bereits. Also: Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für sie. Und vorausschicken möchte ich: Sie haben jedenfalls etwas sehr interessantes."

"Aha?"

"Die gute Nachricht ist: Ihre Krankheit wird nach mir benannt werden. Haaaa-haaa-haaa!"

"Doc! Bitte! Konzentrieren sie sich! Außerdem kannte ich den Witz schon. Wenn sie mich wenigstens nicht mit alten Witzen quälen würden!"

"Nicht? Schade. Also, die gute Nachricht lautet: Sie haben etwas sehr interessantes, sie sind keineswegs krank, sondern eigentlich besonders gesund."

"Und die schlechte?"

"Man wird sie damit nicht zurück auf die Erde lassen."

"Was?"

"Leider.

"Ich dachte ich bin gesund?"

"Im Grunde ja. Da haben sich Algen bei ihnen eingenistet. Die treiben in ihrer Haut Photosynthese, bauen Schadstoffe im Blut ab UND liefern zusätzlich Energie!"

"Ach ja?"

"Kein Wunder: Deshalb sind sie in letzter Zeit auch ständig so in Fahrt. Das ist der Wahnsinn! Ich wünschte ich hätte das auch!"

"Warum soll ich damit nicht zurück zur Erde?"

"Weil es sowas auf der Erde bisher nicht gibt. Und weil niemand sagen kann was passiert, wenn sie es unter ihrer Haut einschleppen. Dann verteilen sie es womöglich auf der Erde weiter. Sogar sehr wahrscheinlich."

"Wieso wahrscheinlich?"

"Wenn diese Exo-Algen hier durch ihre Haut und durch alle Mechanismen des Immunsystems rein gekommen sind, dann werden sie auf der Erde auch wieder raus kommen. Klingt das einleuchtend?"

"Schon, irgendwie."

"Das ist so primitiv einleuchtend, dass es jeder Raumfahrtbürokrat auf der Erde verstehen wird. Und dann werden sie es verhindern wollen."

"Aber ich bin doch mehr als gesund!"

"Sie kennen doch die Geschichten von den Nutztieren und Pflanzen, die auf der Erde von einem Lebensraum in einen fremden anderen bewusst importiert wurden und dort unermesslichen Schaden angerichtet haben?"

"Was meinen sie?"

"Kaninchen, Hunde, Kamele in Australien. Katzen auf Neuseeland und den Südseeinseln. Rhododenron in England. Waschbären in Mitteleuropa, Pazifikkrabben im Nordatlantik. Jeder Kontinent, inzwischen jede Landschaft, hat einige solcher Geschichten. Jede der neuen Arten hat meist ein Dutzend eingesessener Arten verdrängt oder schlicht aufgefressen. Oder die Krankheiten der Europäer bei den amerikanischen Ureinwohnern."

"Na schön."

"Das wollen die Bürokraten gern verhindern, mit aller Gewalt. So viel haben sie inzwischen dazu gelernt."

"Würe mich wundern, wenn die jemals was dazu gelernt hätten. Und nur deshalb darf ich jetzt nie mehr zurück zur Erde? Das ist ja furchtbar!"

"Opfer müssen gebracht werden. Ich glaube, in ihrem Raumfahrer-Vertrag haben sie eine entsprechende Klausel unterschrieben."

"Was? Kann nicht sein!"

"Doch doch, ich kann sie ihnen zeigen."

"Die haben mich betrogen! Das sind über zweitausend Seiten! Die konnte ich unmöglich alle lesen! Die haben mich über den Tisch gezogen! Kalt berechnend! Ich werde sie verklagen! Alle!"

"Dann müssen sie nur ihren Anwalt überreden, dass er hierher kommt, zwölf Lichtjahre und zurück. Das geht höchstens pauschal, aber jedenfalls nicht nach Kilometern: Ich habe wirklich Zweifel, dass ihre Rechtsschutzversicherung das bezahlt..."

"Das kann doch nicht sein!"

"Vielleicht kann man wenigstens die Gerichtsverhandlung in die Umlaufbahn der Erde verlegen. Und wenn sie den Prozess verlieren wird vielleicht eine kleine Kapsel beim Wiedereintritt in die Atmosphäre versehentlich verglühen."

"Das ist doch Wahnsinn!"

"Naja, das wäre für unsere Raumfahrtagentur die kostengünstigste Lösung. Billiger, als ihnen eine Rente zu zahlen. Und die biligste wird immer zuerst versucht. Wenn das schief geht nimmt man die nächst teure."

"Das ist doch der reine Wahnsinn! Was soll ich denn jetzt machen? Ich kann doch nicht für den Rest meines Lebens hier bleiben!"

"Warum denn nicht? Ist doch sehr schön hier. Und viel interessanter als auf der Erde."

"Ich will aber irgendwann zurück nach Hause! Kann man denn da nichts machen?"

"Doch, doch, sie haben mir nur vorhin nicht zugehört."

"Wieso?"

"Ich sagte: Mit diesen Algen wird sie niemand zurück auf die Erde lassen."

"Und was heißt das?"

"Ohne vielleicht schon."

"Ach so? Das ist alles? "

"Also, meiner unmaßgeblichen Meinung nach müssen sie nur die Algen wieder loswerden."

"Und wie soll das gehen? Das geht doch gar nicht!"

"Ich könnte ihnen ein Herbizid injizieren."

"Sind sie jetzt völlig wahnsinng? Sie wollen mir Unkrautvernichter spritzen? Ins Blut? Sind sie noch bei Trost?"

"Nur die Ruhe, Käptn! War ein Scherz. Kleiner Scherz nur!"

"Machen sie nicht nochmal solche Scherze mit mir! Was soll das?"

"Ich würde das Herbizid selbstverständlich verdünnen."

"Doc!"

"Nur der Neid."

"Was gibts da neidisch zu sein?"

"Ich wünschte, ich hätte diese Algen auch. Ich sage doch: Sie sind mehr als gesund. Nur eben zu exotisch für die Erde."

"Warum haben sie die eigentlich nicht?"

"Die passen genetisch irgendwie nicht zu meinem Blut."

"So groß kann der Unterschied zwischen uns doch nicht sein?"

"Groß genug für diese verdammten Algen! Ich fasse es nicht! Diese Algen befallen hier die hirnlosen Tiere und jeden Ignoranten, der den Planeten betritt - aber ich bin ihnen nicht gut genug! Es ist zum Heulen!"

"Wie sicher ist denn ihre Therapie? Werde ich diese tückischen Algenkeime wirklich wieder los?"

"Das sind keine Keime."

"Und wenn die auf der Erde davon erfahren? Schon dass man so eine Infektion mal gehabt hat reicht ja aus. Unsere Verwaltung ist doch genauso humorfrei wie skrupellos. Am Ende verglüht da doch eine kleine Kapsel beim Wiedereintritt, nur so zur Sicherheit."

"Wir müssen es denen ja nicht sagen."

"Das würden sie für mich tun?"

"Klar. Warum nicht? Sie haben die Exo-Algen ja dann nicht mehr. Dank meiner Therapie!"

"Und wenn ich sie nicht loswerde - würden sie dann auch mit mir hier bleiben?"

"Käptn! Machen sie keine Witze!"

"Würde ich nie machen."

"Es ist so schön wie interessant hier auf Frankensteins Zoo - aber wir alle wollen zurück nach Hause!"

Kommentare:

Anna hat gesagt…

Ich möchte auch ein Kilo dieser Algen bestellen. Schicken Sie sie einfach an meinen Blog! :-)

Warum haben Sie eigentlich Ihren schönen Text durchgestrichen?
Ist das ein neuartiges Stilmittel, eine avantgardistische Methode der semantischen Variation oder einfach ein Versehen?
:-)

100 Goldfischli hat gesagt…

Aaaaaaaaaaah - danke! Wenn man nicht alles noch fünf mal kontrolliert ...

So ähnliche Algen erhält man ganz einfach, wenn man ein paar Dutzend Fleckensalamander auspresst. Dass die dann aber genauso schön wirken wie die von Frankensteins Zoo will ich nicht beschwören.

Siehe: Flecken-Querzahnmolch (auch: Fleckensalamander; Ambystoma maculatum), eine Familie der Schwanzlurche.


Aber bei den semantischen Methoden der avantgardistischen Negation will ich gerne ganz vorn mit dabei sein.

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