22 September 2011

Americas Cup 2011

Der Große Bloguator™ hat mit dem Segeln aufgehört (die Segelgemeinde kennt die Details). Das heißt natürlich nicht, dass er sich nicht mehr dafür interessiert. Millionen deutsche Fußballfans können sich schließlich auch langweilige beknackte Aufführungen ansehen, bei denen sich 22 Männer benehmen wie ein Rudel junger Hunde - ohne in den letzten zwanzig Jahren selbst jemals in die Nähe eines Fußballs gekommen zu sein.

Tresenfußball vs. Tresensegeln 0:4!

Hier also Kommentare von einem, der nie auch nur annähernd Profi war, aber stolz auf 29 Jahre Erfahrung und ein abgeschlossenes Ingenieurstudium verweist.


Derzeit läuft also wieder der Americas Cup. Diese Veranstaltung war in den letzten Jahren immer nur so mittel-erfreulich.

Rückblende: Da saßen die wirklich allerbesten Segler der Welt, die Welt-Auswahl der absoluten Segelelite, hatten jahrelang trainiert und geübt und geprobt und kämpften sich dann mit riesigen behäbigen tonnenschweren Eimern ab, die etwa 90% ihres Gesamtgewichts als Ballast mit sich herumschleppten und ohne eine zwölfköpfige Mannschaft erst gar nicht bedienbar waren.

Die zwölf Köpfe hatten dabei die meiste Zeit nichts zu tun, zwei standen ausschließlich als Segelberater beim Steuermann herum und die übrigen mussten sich so verkriechen, dass sie dem Wind keine Angriffsfläche boten. Bei 20 Tonnen schweren Eimern. Die AmericasCup-Class war das Synonym für stolzierenden und mit Geld protzenden Anachronismus.

Dann ereignete sich vor etwa drei Jahren etwas merkwürdiges: Der mehrmalige Verlierer - aus den USA - erkämpfte vor Gericht - in den USA - das Recht, einen Teil der Regeln zu bestimmen. Die damaligen Verteidiger bestimmten den Ort der Handlung, der Herausforderer aber die Konstruktion des Bootes.

Der mehrmalige Verlierer und Herausforderer ORACLE mit dem Geld von Larry Ellison reanimierte die bereits einmal erfolgreich durchgeführte Idee, statt mit einem behäbigen tonnenschweren Einrumpf-Eimer mit einem gigantischen tonnenschweren Mehrrumpfboot anzutreten. Es war klar, dass dagegen der Einrumpf-Eimer keine Chance gehabt hätte. Hätte er auch gegen eine zeitgemäße Einrumpf-Konstruktion nicht gehabt, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Der Verteidiger ALINGHI mit dem Geld, das Ernesto Bertarelli von seinem Papa geerbt hat, jammerte noch eine Weile vor anderen Gerichten und baute dann ebenfalls ein gigantisches Mehrrumpfboot.

Dabei bestand er darauf, dass unbedingt ein Hilfsmotor zur Bedienung der Segeltechnik erlaubt sein sollte (als ich damals noch segelte hatte Wettsegeln mit Motoren nicht das geringste zu tun). Das führte dazu, dass der Herausforderer sein hypertechnisches Flügelsegel auch während der Fahrt bedienen konnte. Wäre sonst deutlich schwieriger geworden. Für den Verteidiger brachte diese seltsame Idee eigentlich überhaupt keinen Vorteil.

Als es endlich an das alles entscheidende Duell vor Valencia ging, wollte Ernesto Bertarelli, der Eigentümer des Verteidiger-Teams, das Boot unbedingt selbst steuern. Ein normaler Eigentümer eines Eishockey-Teams besteht ja auch darauf, auf dem Eis die Tore selbst zu schießen, statt das seinen Profis zu überlassen. Hauptberuflich ist Bertarelli Erbe eines beträchtlichen Vermögens, hatte auch schon mal ein Segelboot gesehen und durfte es zuweilen sogar steuern. Aus irgendeinem Grund wollte er sich mit einem der absoluten Segelgötter messen. Wie das ausgehen würde war eigentlich vorher klar. Die einzig logische Erklärung: Bertarelli wollte einfach verlieren. Wie sonst hätte er zeigen können, dass er sogar ein guter Verlierer ist? Genau: Nur so!

Er schaffte es, im ersten von zwei Rennen weniger als 30 Sekunden nach Beginn der Vorstart-Phase - also noch etwa viereinhalb Minuten vor dem Startschuss des eigentlichen Rennens! - einen Penalty verpasst zu kriegen. Im zweiten Rennen gelang ihm das sogar vor Beginn der Vorstart-Phase. Das war ein neuer und völlig einmaliger Rekord, der auf absehbare Zeit schwer zu schlagen sein wird: Niemand macht es bis heute einem Könner wie Bertarelli nach, bereits vor Beginn des Rennens mit samt seiner Vorstart-Phase Strafrunden zu kassieren.

Beide Rennen selbst verliefen dann jeweils ziemlich einseitig, weil die beiden Monster-Boote sehr unterschiedlich schnell waren. Es gab verschiedene Erklärungen dafür, aus Sicht der Großen Bloguators™ war die Ursache verhältnismäßig einfach zu ermitteln: Das Boot der Herausforderer war für einen Bereich von zwei bis drei Windstärken optimiert, das der Verteidiger für einen Bereich von drei bis vier. In den beiden Rennen herrschten selten mehr als zwei Windstärken. Zusammen mit der unfassbaren Vermessenheit des Milliardärssöhnchens Bertarelli führte das in die absehbare Niederlage des Verteidigerteams.

Als neuer Verteidiger bestimmt nun das Team ORACLE die Regeln und den Austragungsort. ALINGHI hat alle weiteren juristischen Auseinandersetzungen verloren und ist jetzt beleidigt. Der neue Verteidiger hat etliche Zöpfe abgeschnitten: Der neue Cup wird durchgängig auf Riesen-Katamaranen ausgetragen, auf denen ein Minimum an Mannschaft nunmehr ackern muss wie die Galeeren-Sklaven. Es werden neue und sehr experimentelle Regatta-Kurse abgesegelt. Und es wird bei fast jedem Wetter gestartet, wie man neulich in Plymouth sehen konnte.

Bei Böen über 30knoten wäre auch der Große Bloguator™ auf seiner kleinen schnellen 2-Mann-Jolle an die Grenze des Beherrschbaren gekommen. Umso bewundernswerter die Leistung der derzeitigen Americas-Cup-Teams auf ihren teuflischen Rennern.

Nach dieser kurzen Einleitung erst mal nur der Link zu den Filmen von der Zwischenstation des Cups in Plymouth. Wenn alles klappt sieht man nur die jeweiligen Full-Replay-Filme. Den ganzen übrigen Kram, belanglose Interviews und Zusammenschnitte mit dröhnender schlechter Musik, kann sich die geneigte Leserin und der interessierte Leser selbst zusammensuchen.

Und als Anreißer hier den Film vom zweiten Renn-Tag, wo es ordentlich zur Sache geht.




schade, Verlinkung allein zu den FullReplays krieg ich nicht so perfekt hin. Zwischen dem ganzen übrigen Kram, belanglosen Interviews und Zusammenschnitten mit dröhnender schlechter Musik, muss sich die geneigte Leserin und der interessierte Leser die interessanten Clips leider doch selbst auswählen. Wie gesagt, das Stichwort heißt "Full Replay".

Kommentare:

Aintschie hat gesagt…

Sehr beeindruckend. Ich schätze, das ist das Ende der Segelfotografie vom Motorboot aus - da kommt man nur noch mit Heli hinterher. Spektakulär ist auch der kleine Jetski, der das Feld verfolgt ...

Sören hat gesagt…

Kann mir nicht helfen, das sieht immer wie ein Konstruktionsfehler aus ... - warum geben die den Schwimmern im vorderen Drittel nicht mehr Auftrieb (Volumen), dann würden die nicht andauernd irgendwo feststecken. Ist doch absurd.
S.

100 Goldfischli hat gesagt…

@Äintschie:
Keineswegs - sie haben Motorboote, die genauso konstruiert sind wie die rasenden Segler, als Katamarane mit sehr schmalen Kufen nämlich. Auf dem Jetski sitzt ein Schiedsrichter.

@Sören:
Es ist egal wie viel Auftrieb da vorne drin ist. Wenn das Boot von hinten in eine Welle rumpelt bleibt es stehen (meine Erfahrung mit einer entsprechenden Konstruktion). Weil aber insbesondere bei dieser Windgeschwindigkeit der Mast weiterfährt, fällt es trotzdem nach vorn um.
Da hilft wohl nix außer: Stecker vermeiden.
Und in allen übrigen Fällen ist es wahrscheinlich am besten, wenn vorne möglichst wenig Auftrieb und auch Gewicht liegt.
Man kann sicher sein: Diese Konstruktionen sind sehr dicht am Optimum dran. Gab auch schon Ausnahmen - aber die fahren diesmal nicht mit.

Anonym hat gesagt…

Mit Segeln aufgehört?!? Wieso das denn?

Jedenfalls seeeehr schade!

100 Goldfischli hat gesagt…

Ah, danke! In voller Länge lautet der Satz eigentlich auch: "... mit dem Segeln aufgehört, bis ich mir die Sache leisten kann." Nur gegenwärtig läuft das aufs selbe hinaus.

Aber ich bin deswegen ja nicht aus der Welt: Kannst mich unter den bekannten Segelkontakten anrufen und dann gehen wir einen trinken. Oder zwei.

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