25 Februar 2013

Ferne Welten - Geschichten aus der Zukunft (Epilog)

Sprachwissenschaft - EPILOG speziell für Nic

"Käptn, ich wage nicht, mir vorzustellen was passiert, wenn wir mit diesem Übersetzungscomputer tatsächlich auf eine außerirdische Zivilisation treffen sollten."

"Glauben sie jetzt an Außerirdische, Doc?"

"Wieso glauben? Natürlich! Sie etwa nicht? Das erfahre ich erst jetzt?"

"Doch schon, natürlich. Sonst wäre ich vielleicht nicht mitgefahren."

"Na bitte!"

"Und?"

"Wenn wir mit diesem Übersetzungscomputer den Außerirdischen Gedichte vortragen, glauben die womöglich, wir wollten ihnen den Krieg erklären. Tod durch Birkenrinde!"

"Sie wollen jetzt auch noch
den Außerirdischen Gedichte vortragen?"

"Na, ein Gespräch fängt man doch immer erst einmal mit Smalltalk an. Wie wollten sie denn anfangen?"

"Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht..."

"Was? Wirklich nicht?"

"Nein. Um ehrlich zu sein: Nein."

"Ja, aber man braucht doch einen Einstieg in das Gespräch..."

"... mit Außerirdischen ..."

"Naja, wen wollten sie denn sonst hier treffen? Ihre Schwester?"

"Ich habe keine Schwester."

"Also ihre Schwester treffen wir hier schon einmal nicht. Gut. Schade."

"Äh, Doc...?"

"Naja, aber wen wollten sie denn hier treffen? Sie müssen sich doch vor dem Abflug Gedanken gemacht haben? Irgendeine Vorstellung..."

"Oh, ich wusste nicht, dass wir hier verabredet sind, hundertzwölf Lichtjahre von der Erde entfernt. Da hätten wir doch auch bei uns daheim in ein Café gehen können mit den Außerirdischen."

"Was?"

"Für Außerirdische ist es doch auf jeden Fall weit, egal wo sie hin fahren."

"Das wissen sie doch gar nicht!"

"Vielleicht. Aber ich vermute es."

"Was? Sie vermuten darüber?"

"Das sind eben die Gedanken, die ich mir zu dem Thema so mache."

"Gedanken nennen sie das?"

"Dann eben Vorstellungen! Sind wir hier in einer Semantikvorlesung?"

"Aber egal wo sie auf die Außerirdischen treffen - mit diesem Übersetzungscomputer werden die sie nicht verstehen!"

"Das ist doch gar nicht gesagt."

"Oh doch! Sie wollen den Außerirdischen ihre Kochrezepte erläutern und ..."

"Was will ich?"

"Ein Einstieg in das Gespräch. Das macht man so. Man fängt mit unwichtigen Dingen an, um erst einmal eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Man nennt es Smalltalk."

"Mit Außerirdischen?"

"Ja sicher, wovon reden wir denn hier die ganze Zeit?"

"Atmosphäre? Die haben doch sicher wichtige Dinge zu besprechen ... da brauchen die doch keine Atmosphäre."

"Aber sie können die doch nicht sofort nach den existentiellen Sachen fragen!"

"Kann ich nicht?"

"Sie fallen doch nicht mit der Tür ins Haus und fragen als erstes, wie ihre Zivilisation den Geiz und das Fastfood besiegt hat. Oder ob sie ein wirksames Rezept gegen Spam oder
vielleicht Liebeskummer haben. Und ob sie unterwegs Gott getroffen haben. Nicht einmal sie würden das tun, so direkt."

"Da haben sie recht. Ich ... würde ... so ein Gespräch ... vermutlich ... anders beginnen, vermutlich."

"Sehen sie! Dann wollen sie denen beispielsweise ihre Kochrezepte vorstellen und übersetzen das mit unserem Computer und die Außerirdischen denken, sie wollen ihnen drei verschiedene Arten Auflauf von Birkenrinde erläutern."

"Bitte?"

"Oder sie wollen die Tiefen ihres Verständnisses von Lyrik darstellen und die Außerirdischen denken, sie wollen ihnen etwas von der selbstlosen Hingabe zur Baumrinde erzählen."

"Aber..."

"Schließlich beeindrucken sie die Fremden mit ihrer höchsteigenen Version der Zeitrechnung auf verschiedenen Trabanten der Planeten unseres Sonnensystems..."

"Doc!"

"... unter besonderer Berücksichtigung der Sonnenfinsternisse auf dem Mond! Aber die Außerirdischen müssen denken, sie haben überhaupt kein anderes Thema als öde blöde Birkenrinde. Und dann empfinden diese hochentwickelten Fremden die menschliche Zivilisation nach einer kurzen Konversation als überflüssig und sie zetteln einen hässlichen galaktischen Krieg an."

"Die ... Außerirdischen?"

"Oder ihnen wird einfach nur langweilig wenn sie sich andauernd über Birkenrinde unterhalten sollen, weil dafür haben sie den langen Ausflug ja vielleicht nicht gemacht. Und sie reisen wortlos wieder ab. Wenn sie Glück haben, lassen sie ihnen noch einen Zettel da, auf dem
in sauberer Außerirdischen­schönschrift steht:
Fuck Birkenrinde!
So werden sie, Käptn, nie erfahren, ob die unterwegs Gott getroffen haben. Und wo er gegebenenfalls wohnt."

"... aber ich ..."

"Und das alles nur, weil unser Übersetzungscomputer ein bisschen schief justiert war. Welch ein schmerzlicher Verlust! Was für eine verpasste Chance!"

"Na gut."

"Käptn, wo wollen sie hin? Wollen sie sich aufhängen? Das ist sinnlos, wissen sie doch! Ich stelle sie aus dem Backup wieder her!"

"Nein, ich gehe nur ein paar Keile suchen, mit denen ich den Computer neu ausrichten kann."


Kommentare:

nic. hat gesagt…

Ha! Das werd' ich meinem Admin mal vorschlagen: sich mit nem' Stapel Holzkeile zu bevorraten, falls mal wieder ein Computer justiert werden muss.

(die Tochter würde sagen "Und wenn die Birkenähnlichen eigentlich die Außerirdischen sind und dabei waren Kontakt zu den Menschen aufzunehmen? Also erst mal Smalltalk machen und auf dem nächsten "Baum" wäre dann eine persönliche Nachricht? Oder wenn die Außerirdischen durchsichtig sind und schreiben deshalb Nachrichten auf die "Bäume" weil die Menschen sie selber nicht sehen können?

Wir empfehlen jedenfalls vor der Justierung die anderen Bäume abzusuchen.)

100 Goldfischli hat gesagt…

Meine Rede: Wahrscheinlich basieren sehr viele Verständigungsschwierigkeiten der Menschheit auf dem Mangel an einem Stapel Holzkeilen.

Zum Glück hat der Käptn die Birkenrinde nicht abgemacht, das hätte den Außerirdischen im Zweifelsfall ganz schön weh getan, wenn die Birken denn die Außerirdischen selbst wären. Oder der Käptn hätte unwiderbringliche Kulturgüter und Artefakte zerstört, falls die Außerirdischen nur Inschriften auf den Stämmen angebracht hätten.

Die Tochter ist ein sehr kluges Kind, sie hat im Grunde recht und liegt ziemlich genau im Erklärungsspektrum des Großen Bloguators™ - aber so ist es nun einmal nicht. Bis auf den heutigen Tag wissen wir nicht, wo der Zusammenhang zwischen birkenähnlicher Rinde baumartiger Pflanzen und einer Untergruppe der uralischen Sprachen liegt.

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